Was hat Open Source 2015 noch mit Open Source 2005 zu tun?

Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich das erste mal bewusst mit Open Source in Kontakt gekommen bin. Wir betrieben in meiner damaligen Firma ein paar Linuxserver und immer wenn irgendwelche heiklen Konfigurationen oder die Behebung von kritischen Issues anstand, kam dieser Experte eines Open Source-Infrastruktur-Dienstleisters: Strubelfrisur, Strickpullover, Chaos-Computer-Club T-Shirt.

(Lesedauer: 4 Minuten)

Er verteufelte alles, was von Microsoft kam und hielt sich mit entsprechenden schnippischen Bemerkungen natürlich nicht zurück, sobald er irgendwo ein proprietäres Produkt ausmachte. Geld war ihm egal, Pünktlichkeit auch, super-dringende businessgetriebene Kundenwünsche erst recht. Ich nahm Open Source als Religion wahr. Für mich, der aus der Business-Ecke kam, war das gleichermaßen faszinierend und unverständlich.

Die Welt war einfach:
Open Source = Gut
Proprietär und kommerziell = Schlecht.

Heute, 10 Jahre später, hat sich diesbezüglich sehr viel geändert. Open Source (OS) hat sich etabliert, ja ist sogar in vielen Bereichen führend. Der früher teilweise doch erbittert geführte Glaubenskrieg, ist zum Glück mehr oder minder im Sand verlaufen. Heute ist das Veröffentlichen von Software unter einer Open Source Lizenz die Methode der Wahl, um zügig eine anständige Marktdurchdringung zu erreichen. Dabei werden oft bewusst Anzahl Downloads mit Anzahl Installationen verwechselt und die Anzahl registrierte User wird mit der Grösse der Community gleichgesetzt. Diese Art von Währung wird dann im Marketing verwendet, um die Produkte grösser zu machen.

Von den hehren Zielen, eine offene, nicht profitorientierte und gemeinschaftliche Software-Welt zu schaffen, ist auf den ersten Blick nicht viel geblieben. Während die Gesellschaft (und damit die Wirtschaft) in den letzten 10 Jahren einen langsamen aber stetigen Wandel zu mehr Beschaulichkeit, weniger Kommerz (für jene die sich das leisten können), mehr Nachhaltigkeit und sozialer Lebensführung erfuhr, hat Open Source geradezu ein grundentspanntes Verhältnis zu Geld & Business entwickelt. Eigentlich nicht weiter verwunderlich, denn es liess sich in den letzten Jahren gutes Geld mit Open Source verdienen. Und viele der ehemaligen Open Source Protagonisten sind in die Jahre gekommen.

Es ist einfach einen idealistischen Lebensstil zu pflegen, so ohne Kinder, ohne Hypothek und ohne Verpflichtungen. Spätestens Mitte 30 wird in der Regel jedoch die verfügbare Zeit knapp. Just zu der Zeit wo sich eventuell auch der Fokus im Leben ein wenig ändert. Sind damit die einstigen Ideale verraten? Nein, wie ich finde. Denn es gehört doch zum Leben und zur persönlichen Entwicklung seine Meinungen und Einstellungen zu revidieren und den veränderten Rahmenbedingungen anzupassen. Man muss ja nicht gleich alles über Bord werfen.

Was ist geblieben?

Die heutige Open Source Software Szene ist geprägt von starken Firmen, die neben der freien unter OS-Lizenz noch eine kostenpflichtige Enterprise-Version anbieten. Darunter sind ein paar, die Open Source nur als Mittel sehen, um ihre Enterprise-Versionen an den Mann zu bringen. So hat mir vor ein paar Monaten ein Vertriebsmitarbeiter eines „Open Source-Produkts“ vollmundig verkündet: „Die Community Edition kannst Du für Euer Projekt ja nicht verwenden. Das ist ja kein Produkt, das ist nur Code.“* Auf meine Rückfrage was denn ein Produkt ausmache, nannte er den Support, den SLA und das Account Management, das seine Firma erbringe. Also alles Dinge die eine Open Source Agentur traditionell selber erbringt und zu Recht gerne bei sich behält, da diese Dinge entscheidend zur User Experience des Agenturkunden beitragen. So recht aufgehen tut das dann für niemand. Es ist eine Tatsache, dass es nur sehr wenige Firmen geschafft haben, nur über die Enterprise Erlöse profitabel zu werden. Wer alleine diesen Weg einschlägt, wird meiner Meinung nach langfristig scheitern. Vielmehr geht es darum, das ganze Ecosystem um sein Produkt zu beleben und die Community-Mitglieder zur Zusammenarbeit zu bewegen. Und dabei Revenue-Streams zu generieren, die für alle fair sind und bezahlt werden können. Nicht ganz einfach.

Die Zusammenarbeit

So langsam haben auch die großen proprietären Softwarehersteller begonnen, Open Source Komponenten in ihr Business zu integrieren. Microsoft hat da enorme Anstrengungen in Angriff genommen und hat nun folgende Sätze wie folgenden in ihrem Marketing Collatoral:

The more we work togheter – the more opportunities open up for everybody.

Es ist eine reichlich späte Einsicht, aber eine logische in einer Geschäftswelt, die langsam erkennt, dass ein Miteinander wahrscheinlich allen mehr bringt als ein Gegeneinander. Und es lässt hoffen, dass dadurch eine offenere Softwarebranche entsteht, denn das kann nur im Sinne des Kunden und damit im Sinne der Dienstleister sein.

Going Open Source – der steinige Weg

Für viele Hersteller wäre es ganz offensichtlich ein grosser Vorteil, ihre Software unter einer Open Source-Lizenz zu veröffentlichen. Ich denke da z. Bsp. an CMS Hersteller wie Sitecore, Adobe (EM) etc. Dass sie es nicht tun, ist zwei Dingen geschuldet. Zum Einen fehlt es hier oder da an der strategischen Einsicht. Zum Anderen ist jedoch die Transformation hin zu einer Open Source Unternehmung extrem aufwändig und gewissermaßen risikobehaftet. Zudem fehlen die Fachkräfte mit echter Open Source-Business-Expertise. Dass die grossen Unternehmen, die es allgemein noch schwieriger haben, diese Transformation in Angriff nehmen und erheblich investieren, ist jedoch ein sehr gutes Signal. Vom daraus entstehenden Effekt werden wir alle, Endkunden gleichermaßen wie die Softwarebranche, in Zukunft profitieren.

 

(* Nein, es war niemand von Magento!)

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