Ethik hat keine Chance: Jede Technologie wird früher oder später genutzt.

Ich diskutiere oft mit verschiedenen Menschen über den technologischen Fortschritt. Dabei treffe ich auf Leute welche dem technologischen Fortschritt sehr kritisch gegenüberstehen. Diese kritische Haltung finde ich sehr legitim und wertvoll. Allein, ich denke unser bewusster, gestalterischer Einfluss auf den technologischen Fortschritt, auch wenn wir ihn ja selber «machen», ist äußerst gering.

(Lesedauer: 4 Minuten)

Technologie ist nicht gleich Produkt

Wenn wir über neue Technologie sprechen, machen wir schnell den Fehler sie mit Produkten zu verwechseln. So wundern wir uns z. Bsp. warum wir heute keine fliegenden Autos haben und sagen gleichzeitig, dass die Technologie noch nicht so weit sei.

Sieht man genauer hin, ist dem aber nicht wirklich so. Wir haben alle technologischen Komponenten um fliegende Autos zu realisieren. Auch könnten wir die Kosten für solche Vehikel durch Mengenskalierung entsprechend in einen Bereich bringen, wo man sich diese früher oder später leisten kann. Die Frage ist aber, ob Sie im Alltag für uns entsprechend Sinn ergeben. Diese Frage haben wir bislang mit „nein“ beantwortet. Niemand sah darin so große Vorteile, dass es den Werte hatte den steinigen Weg zu gehen.

Wenn wir über Technologie sprechen, müssen wir also immer versuchen, Produkte von Technologien zu trennen. Zudem, Produkte werden meist aus einer Vielzahl von Technologien geformt. Die folgende, wirklich sehr umfassende Infografik von Quartsoft zeigt, welche Erfindungen und Erkenntnisse notwendig waren, um zu einem Produkt wie dem iPhone zu kommen.

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Technologien die also heute entwickelt werden, müssen nicht zwingend sofort eingesetzt werden, sondern erhalten im Laufe der Zeit – oft in Kombination mit anderen Technologien – ihren Einsatzzweck in späteren Produkten.

Ethik und Politik als Katalysatoren des technologischen Fortschritts

Viel Technologie die heute entwickelt wird, hat keinen direkten Anwendungsbezug. Die Forschung erbringt erste Erkenntnisse und Mechanismen. Viele dieser Ergebnisse haben aus heutiger Sicht grenzwertige Anwendungszwecke. Denken Sie z. Bsp. an die Fortschritte im Bereich der Ektogenese, also der Zeugung und Reifung eines Menschen in einem künstlichen Uterus. Das ist erstmal ein Bereich der bei den meisten Menschen ein flaues Gefühl in der Magengegend auslöst (auch bei mir).

Amerikanische und Britische Forscher haben in den letzten Monate auf dem Gebiet erhebliche Fortschritte erzielt (wissenschaftlicher Aufsatz dazu hier oder hier). Motivation daran zu forschen war nicht primär die Vision einer Ektogenese, sondern zu verstehen, wie sich die befruchtete Eizelle als Zellhaufen in der Gebärmutterschleimhaut einnistet und wie sich die Zellen danach in welche Teile (z. Bsp. Kind und Plazenta) aufteilen.

Versteht man diese Prozesse (was bisher völlig unbekannt war), ist es besser möglich etwas gegen Fehlgeburten zu tun. Das Abfallprodukt dieser Forschung, sozusagen, ist, dass man neue Erkenntnisse und Technologien erlangt, die Ektogenese zu ermöglichen. Auch wenn es darüber einen breit abgestützten gesellschaftlichen Konsens gibt, dass man sie nicht nutzen möchte.

Bewusste Bremser der Adaption des Technologischen Fortschritts

Und es gibt durchaus auch Initiativen die den technologischen Fortschritt bremsen oder kontrollieren möchten. So gab es 1975 im kalifornischen Asilomar eine Konferenz von über 140 Gentech Wissenschaftler welche sie freiwillige Richtlinien auferlegten um die Veränderung von DNA in Zukunft zu regulieren. Ein bis heute bemerkenswerter Vorgang.

Auch OpenAI, die Initiative welche von verschiedenen Silicon Valley Unternehmern gefundet wird, und zum Ziel hat, künstliche Intelligenz für möglichst viele Leute verfügbar zu machen, kann zu dieser Kategorie hinzugezählt werden. Zwar will bei OpenAI niemand die Entwicklung der künstlichen Intelligenz bremsen, dadurch, dass sie mit dem öffentlichen zur Verfügung stellen der Technologie sozusagen eine Flucht nach vorne machen, verhindern sie, dass die Technologie von einzelnen missbraucht wird.

Und darum geht es im Grund: Gefühlten Missbrauch zu verhindern.

Unbewusste Treiber der Adaption des technologischen Fortschritts: Die Brutalität des Lebens und der Generationenwechsel.

Was wir allerdings als Missbrauch werten, steht in direktem Zusammenhang mit unserer persönlichen und gesellschaftlichen Werteklaviatur. Und diese, besonders die gesellschaftliche, unterliegt einem steten Wandel.

Wie fragil und verhandelbar aber auch die persönliche Ethik und die Werte sind, zeigt ein einfaches Gedankenexperiment (dass ich auch in anderen Beiträgen schon bemüht habe): Stellen Sie sich vor Sie lehnen eine Technologie (z. Bsp. Genmanipulation) aufs Entschiedenste ab. Sie sind gegen alles was mit dieser Technologie gemacht wird. Nun erkrankt Ihr Kind an einer tödlichen Krankheit. Das einzige was hilft ist ein Medikament, das sich breit der Gentechnik bedient. Wie entscheiden Sie sich?

Ich denke die Brutalität des Lebens ist einer der Haupttreiber warum wir unsere Ethischen Konzepte und unsere Werte auch im Laufe eines Lebens schnell verwerfen. Es muss sich nur entsprechend lohnen. Es gibt nur ganz wenige Menschen, die in solchen Situation wirklich konsequent und ihren Werten treu bleiben. Paradoxerweise werden gerade in solch krassen Situationen wertebasierte, konsequente Entscheidungen vom Umfeld nicht mehr guotiert. Nicht wenn es um Leben und Tod geht.

Der andere Treiber ist, dass wir einem permanentem Generationenwechsel unterworfen sind. Was mein Vater noch verwerflich fand, akzeptiere ich im täglichen Leben. Für meinen Sohn hingegen stellt sich die Ethikfrage gar nicht mehr, da er bereits mit der neuen technologischen Möglichkeit aufwächst und nichts Anderes kennt. Er ist aber gleichzeitig später auch wieder der Vater, welcher neue technologische Möglichkeiten verwerflich findet.

So transponiert sich die Wertewahrnehmung durch die technologische Entwicklung.

Und darum haben unsere Wertevorstellungen und unsere momentane Ethik mittel- und langfristig keine Chance gegen den technologischen Fortschritt. Was wir mit neuen Technologien auf einer breiteren Zeitachse gewinnen ist grösser als das was wir als Opfer bringen müssten. Und darum werden wir über kurz und lang sämtliche verfügbare Technologie einsetzen. Ganz egal ob Ihnen oder/und mir das im Moment in den Kram passt.

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Ein Kommentar zu Ethik hat keine Chance: Jede Technologie wird früher oder später genutzt.
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