Elektromobilität: Blau wie Blues.

Nahezu alle etablierten Automobilhersteller haben mittlerweile Elektroautos im Angebot. Wobei im Angebot noch immer bedeutet, dass Studien und Konzepte vorgestellt werden, serienreife Fahrzeuge aber nur in kleiner Dosierung die Straßen bevölkern. In interessierten Kreisen beschäftigt schon lange die Frage, ob die etablierten Hersteller keine Elektroautos verkaufen wollen oder können.

Design, Design, Design

Über Design kann man bekanntlich lange und vortrefflich streiten. Über Logik schon weniger (auch wenn das gerade wieder in Mode ist). Logisch wäre, wollte ich ein Elektroauto verkaufen, es so zu gestalten, dass es möglichst viele Leute mögen. Oder wenn ich bereits Autos im Sortiment habe, welche viele Menschen mögen, dasselbe Design zu verwenden.

Das ist bei den etablierten Herstellern leider nicht der Fall. Irgendwie so scheint es, hat man an der Farbe Blau den Narren gefressen. Blau scheint die Farbe des Stroms und der Elektroautos schlechthin zu sein. Man reibt sich als Otto-Normal-Verbraucher die Augen: Warum denn bitte?

Viele dieser Wagen sehen aus, als kämen sie aus einem Science-Fiction Film. Es leuchtet blau am Heck, an der Seite und/oder an der Schürze.  Das Design vieler dieser Autos sieht so „abgespaced“ aus – man kann sich gar nicht vorstellen wie ein dann ehemaliger BMW 5er oder E-Klasse Fahrer sich nun plötzlich so ein Ding in die Garage stellen sollte.

Die Frage die sich viele Leute stellen ist schlicht: Warum? Anhänger der Elektromobilität sehen darin einen weiteren Beleg dafür, dass die etablierten Hersteller gar keine Elektroautos verkaufen wollen. Man sei, so ihre Argumentation, schlicht so schwer in Verbrenner-Technologie investiert, dass man es sich gar nicht leisten könne, diese Investitionen abzuschreiben und gleichzeitig auch noch massiv in die Elektromobilität zu investieren. Also baue man ein paar Autos um das Gewissen zu beruhigen und mache sie äußerlich so „unkäuflich“, dass man nachher sagen kann, es gäbe keine Nachfrage nach Elektroautos.

Eigene Sub-Brand?

Eine einleuchtende Antwort auf die Frage nach den sonderlichen Designs konnte mir bis dato niemand geben. Auch von Seiten Hersteller nicht. Zusätzlich unternehmerisch absurd erscheint mir die Bildung von Sub-Brands für Elektroautos wie das Daimler mit EQ, BMW mit i und VW mit ID machen resp. machen wollen. Da hat man die besten Brands der Welt, die bekanntesten Produktlinien und halst sich zu all den Investitionen rund um die neue Technologie auch noch den Aufwand auf, das Ganze mit einer neuen Brand zu verteuern und zu verkomplizieren.

Kein Wunder denken die vehementen Verfechter der Elektromobilität, dass die Hersteller so richtig gar nicht wollen.

Können Sie nicht oder wollen Sie nicht?

Die Frage, ob die etablierten Hersteller Elektroautos nicht herstellen wollen oder können ist eine komplizierte. Ich denke die Antwort darauf ist eben nicht schwarz/weiß, nicht ja oder nein.

Zum einen ist da die Batterietechnologie. Es ist klar, dass den etablierten Herstellern, das Konzept einfach bewährte, handelsübliche und garantierte kleine Zellen zu einem Akkupaket zusammen zu setzen wohl viel zu banal war. Zum anderen ist auch klar, dass man als etablierter Hersteller erstmal nicht einfach so ein Konzept übernimmt (obwohl das rechtlich problemlos möglich gewesen wäre). Da spielt sicher auch das NIH-Syndrom mit.

Technologisch ist, aus meiner Sicht, etwa die Pouch-Zellen von BMW, der Tesla Batterie überlegen. Eine marktfähige Traktionsbatterie zu bauen, spielt sich jedoch im Dreieck Kosten, Energiedichte und Lebensdauer ab. Es gilt nicht, technologisch möglichst gut zu sein, sondern gut zu sein und günstig.

Wenn man sich die Margen von Tesla auf Model S und X ansieht, kann man unschwer erkennen, wie gut Ihnen das gelungen ist. Die Margen sind mit die höchsten im gesamten Segment, bei Preisen die für das Segment sehr attraktiv sind. Vergleicht man die TCO der Autos führen sie das Feld sogar an. Nicht umsonst spielt Tesla im Teilmarkt „Large Luxury Sedans“ in fast allen Ländern eine erhebliche Rolle.

Dieser Kostenvorteil ist es denn auch, was einen Einritt in das mittlere Segment für Tesla erst möglich macht. Denn die bestehenden Wagen in dem Bereich haben entweder zu wenig Reichweite (z. Bsp. VW eGolf) oder einen zu hohen Preis (z. Bsp. BMW i3) oder werden mit Verlust verkauft (Chevy Bolt / Opel Ampera-e). Zwar kann BMW mit dem i3 einen gewissen Erfolg aufweisen, die Zahlen sind im Vergleich hoch, für einen Hersteller dieser Größe jedoch ist das ein Tropfen auf den heißen Stein. Nicht auszumalen, wie erfolgreich ein i3 wäre, wenn er aussehen würde wie ein konventioneller 3er und um die 35k EUR k kosten würde. Ich bin überzeugt, dass man damit genauso erfolgreich wäre wie Tesla mit Model 3.

Die Fähigkeit Batterien zu tiefen Kosten in hoher Stückzahl zu produzieren wird absolut entscheidend sein in Zukunft. Nicht die besten Batterien, nicht die größten, sondern die günstigsten. Und da sehe ich im Moment, dass sämtliche etablierten Hersteller mit entsprechenden Problemen zu kämpfen haben.

Psychologie des Neuen

Auf der anderen Seite denke ich aber auch, dass Elektroautos für etablierte Hersteller schon rein von der Psychologie her komplett anders aussehen müssen. Wir als Konsumenten können das vielleicht nicht so richtig nachvollziehen. Aber stellen Sie sich vor, Sie hätten Ihr gesamtes berufliches Leben rund um den komplexen Verbrenner verbracht. Verbrennermotoren sind etwas Emotionales – im Guten wie im Schlechten.

Wer hat sich nicht schon über einen nicht anspringen wollenden Verbrennermotor z. Bsp. am Mofa oder am Rasenmäher grün und blau geärgert? Oder den brachialen Lärm eines Sportwagens fasziniert zur Kenntnis genommen? Wohl die meisten. Vom Elektromotor kann man selbes nicht behaupten. Er läuft einfach – in den meisten Fällen ohne dass wir es merken.

Was für uns Konsumenten ein logischer eher beiläufiger Schritt ist („mir doch egal was mein Auto antreibt, Hauptsache es fährt“) ist für die Entscheidungsträger in Automobilkonzernen ein fundamentaler Umbruch. Und da ist es nur logisch, dass man diesen Umbruch auch optisch zur Geltung bringt. So gesehen, sind diese Produkte nur einfach nicht kundenorientiert.

Zum Glück sehen wir aber langsam aber sicher auch konventionelle Karrosserieformen mit Elektroantrieb. Man scheint so langsam zu realisieren, dass niemand die Batmobile haben will. Im Moment ist das auch noch nicht so tragisch – denn die meisten Hersteller haben ja auch noch gar nichts geliefert.

5 vor 12?

Wie Sie wohl erahnen können, glaube ich, dass die Frage rund um können oder wollen zu kurz greift. Natürlich gibt es Manager in der Automobilbranche die Elektromobilität nicht wollen. Das ist auch ihr gutes Recht. Daraus aber der ganzen Branche zu unterstellen, man wolle die Transition zu Elektromobilität kategorisch unterwandern und verhindern, finde ich vermessen.

Es war eben nicht einfach, die Entwicklung der Batterietechnologie richtig einzuschätzen. Nur wer sich intensiv damit auseinandersetzt, versteht, wie schnell die Kosten runterkommen und wie schnell auch die Skaleneffekte in der Produktion greifen. Vor sieben Jahren haben sich die Hersteller mit Batterien nicht beschäftigt –  und sie konnten daher auch nicht absehen, dass das BEV jemals zu kompetitiven Kosten produziert werden kann. Auf dieser Wissenslage wurden die Entscheidungen gefällt, nach bestem Wissen und Gewissen.

Man hätte wohl bei Tesla genauer hinsehen müssen. Denn mit dem Erfolg des Model S und den selbst aus den öffentlichen Zahlen ableitbaren ökonomischen „Rationals“ hätte man sehr früh sehen können, warum sie die Elektromobilität pushen: Weil es über kurz oder lang günstiger sein wird ein elektrisches Auto zu bauen als ein Verbrenner. Und das Produkt unter dem Strich erheblich besser sein wird.

Können die etablierten Hersteller Elektromobilität nicht? Ich glaube ja, im Moment können die etablierten Hersteller zumindest im Luxussegment Tesla nicht Paroli bieten. Niemand lässt sich in einer solch lukrativen Nische einfach so die Show stehlen. Könnten sie das verhindern, sie würden es tun.

Daraus aber zu schlussfolgern, dass die etablierten Hersteller verloren seien und nicht wieder aufholen könnten ist meiner Meinung falsch. Zumal die Branche nun alarmiert ist und endlich (endlich) auch die entsprechenden Investitionen tätigt. Und diese waren und sind, damit es klappt, bitter nötig.

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4 Kommentare zu Elektromobilität: Blau wie Blues.
  1. Alessandro Medici Antworten

    Sali Alain

    Ein treffender Artikel und genau die gleichen Fragen habe ich mir wirklich auch schon gestellt. Speziell das mit dem Blau. Und genau wie Dir ist es mir auch nicht bewusst, wer genau das ganze „Blau“ wirklich will. Wir wollen doch keine Raumschiffe, nur weil die Autos nun elektrisch sind… jedenfalls nicht, wenn sie nicht fliegen können!

    Aus diesem Grund habe ich mir vor kurzem auch einen Renault Zoe gekauft. Der ist nur ganz wenig blau und das auch noch dezent. Er sieht zum Glück noch wie ein richtiges kleines Auto aus, halt so wie ich mir das vorgestellt habe. Einfach ein Auto, aber elektrisch.

    Richtig spannend wird die Entwicklung wohl in den nächsten Jahren. In den letzten fünf Jahren sind die Speicherpreise um 70% gefallen und ich bin sicher, das werden sie in den nächsten fünf Jahren wieder. Ausserdem wird sich die Energiedichte mindestens verdoppeln, was die Reichweite eines dann günstigen Elektrofahrzeugs weit über 500km bringen wird. Und spätestens dann wird auch Herr und Frau Schweizer genauer in die Elektro-Ecke schielen. Aber ob sie dort ein blaues Fancy-Spaceship sehen wollen bezweifle ich.

    Als inzwischen eingefleischter E-Auto Fahrer bin ich jedenfalls zu folgendem Schluss gekommen was das wesentlichste Unterscheidungsmerkmal zwischen Benziner und Elektro ist: Das Geräusch! Mein Renault Zoe ist…. leise, ja sogar praktisch geräuschlos. Wenn er…. oder besser sie einen Ton macht, dann liegt dieser eher im höheren Frequenzbereich. Und so komisch es klingt, aber es kommt mir alles „weiblicher“ vor. Kein tiefes marzialisches brummen und fibrieren, sondern ein sanftes, zügiges, elegantes und stilles Dahingleiten. DAS macht es rein subjektiver für mich weiblicher.

    Und nach den ersten paar Wochen elektrisch ist für mich noch eines klar: Ich will nie mehr zurück! Elektrisch ist die Zukunft. In jedem Benziner fühle ich mich seither ins Mittelalter zurück versetzt. Inzwischen gehöre ich definitiv der Gattung „Silentdrivers“ an und geniesse jede Fahrt.

    Viele Grüsse und merci

    Alessandro

  2. Mario Rossetti Antworten

    Hallo Alain,
    ich schätze immer wieder deine Kolumnen über die e-mobillität (das Auto der Zukunft).
    Ich stimme dir in dem Punkt des Designs zu.
    Lutz Fügener Professor für Transportationdesign wollte über das Auto der Zukunft auch herausfinden was die Menschen über dieses Thema bewegt. Es kamen unter anderem Wünsche über ein wandelbares Fahrzeug das sich in den Nutzungseigenschaften verändern kann . (verschiedene Fahrzeugbaureihen miteinander kombinieren. Z.b. ein Kombi wenn man viel transportieren muss, und ein Cabrio wenn man in der Sonne chilig fahren will könnt ich mir gut vorstellen). Und noch ein anderer Punkt hat man herausgehört: , ,die Menschen lieben das aktuelle Design des Automobils“. Damit hast du ganz genau erkannt das man neue Technologie nicht unbedingt so stark äußerlich polarisieren muss. Aber vielleicht hilft die Wandelbarkeit eines Autos zum Durchbruch der e- mobilität( siehe die Geschichte des Smartphone’s gegenüber den damalen Handyherstellern ) .Ja das Auto der Zukunft muss Antworten liefern aufFragen wie z.b. – Familie, Reisen, Sport und Freizeit. Einfach für jeden der Spaß am Fahren und Transportieren hat.

  3. Rino Wenger Antworten

    Hallo Alain

    Wieder mal ein sehr lesenswerter Artikel mit einer knackigen und treffenden Analyse. Gerade Problem mit dem optischen Teil des Designs hast du sehr schön beschrieben. „Was zum Geier hat die Designer da geritten?“ denke ich mir da oft. Man sehe sich als Negativbeispiel auch mal nur die „Neuauflage“ des alten VW Bullis an: https://www.motor-talk.de/bilder/ein-vw-bus-mit-bulli-buzz-g75868021/so-stellt-sich-vw-die-neuauflage-des-legendaeren-t1-vor-i208680642.html

    Bei Tesla konzentrieren sich die Leute darauf, Oberflächlichkeiten und Details zu kritisieren, und ignorieren dabei, was für ein Wandel auf uns zukommt.

  4. Christopher Antworten

    Tesla und Luxus? Der Schein trügt und die Leute fallen massenhaft darauf rein. Man muss sich nur mal die mechanische Verarbeitung (Spaltmaße, Dichtungen, das Geräusch einer zufallenden Tür, etc.) des Autos genauer anschauen, dann erkennt man das Tesla den deutschen Premiumherstellern fertigungstechnisch nicht das Wasser reichen kann. Tesla konzentriert sich auf die IT und die Batterie, das können die gut. Mehr aber auch nicht.

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