Digitale Transformation: Vor lauter Studien das Wesentliche übersehen!

Vor ein paar Tagen habe ich beschrieben was mir im Umgang mit Kunden oft begegnet: Dass Studien, Statistiken und Daten mit Überzeugung ignoriert werden und man der Überzeugung ist, dass man seine Kunde und deren Verhaltensweisen sowieso am besten kennt. Ich habe es das „Unsere User Syndrom“ genannt. Was ich jedoch auch in zunehmendem Masse feststelle ist, dass sich viele Entscheidungsträger in den Details von Studien und Statistiken verlieren. Und dabei die für sie relevanten Globaltrends gar nicht erkennen.

(Lesedauer 4 Minuten)

Statt Zahlensalat Globaltrends ausmachen

Ich pflege in Vorträgen manchmal einen Statistik-Slide einzuschieben um dann nicht frei von leichter hämischer Freude darauf zu verweisen, dass ich das nun für den Rest des Talks tun könnte, ich aber denke, dass das andere Redner für mich täten. Und so ist es in der Regel tatsächlich.

Natürlich bete ich keine Prozentzahlen herunter, sondern versuche daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen und Interpretationen in Bezug auf unser aller Business zu ziehen. Ich halte das für fundamental wichtig um diese Datenbasis im täglichen Business eben auch effizient nutzen zu können. Und ich erhalten dafür sehr viel Zuspruch.

Studien bis zum geht-nicht-mehr

Es hat sich als eine Art Content-Marketing für Beratungsagenturen etabliert, wissenschaftlich angehauchte Studien zu lancieren. Meist sind diese nicht Studien im eigentlichen Sinn sondern Befragungen mit Verkaufsprospekt. Natürlich ist das jetzt überspitzt; aber was nutzt uns die 1000. Studie zu „unserer Industrie verschläft die Digitale Transformation“. In einer sachlichen Diskussion herzlich wenig. Es ist Fakt.

Wir wissen es schon seit Jahren und jeder der sich damit auseinandersetzt weiß auch warum: Weil am Ende von Industrie-Karrieren kein persönliches Risiko mehr eingegangen wird.

Vorstände aus einer Zeit in der „Langfristig“ 30 Jahre bedeutete

Das ist vergleichbar mit der Fussballmanschaft die 3:2 in der 89 Minute führt. Sie blocken den Ball in einer Ecke bis das Spiel abgepfiffen wird. Eigentlich sollten sie zum 4:2 angreifen und ihre Gesamtsituation in der Tabelle verbessern. Man hat aber mehr Angst etwas zu verlieren als zu gewinnen – ergo riskiert man nichts mehr.

Das finde ich irgendwie menschlich, wenn auch verantwortungslos gegenüber dem Unternehmen das man führt. Sie glauben nicht wie oft ich das in Gesprächen mit betagten C-Level Entscheidungsträgern höre, gefolgt von „Das mit Digital, das müssen meine Nachfolger machen“.

Und die Jungen?

Bei den jüngeren Entscheidungsträgern unterscheide ich gerne zwischen Intrapreneurs und Auswendiglernenden. Ich beneide beide: Die Auswendiglernenden können in der Regel sämtliche Zahlen aus Studien auswendig. Das würde ich auch gerne und ich finde es faszinierend wenn mir jemand aus dem Stand heraus sagen kann wie hoch der Mobile-Anteil im Fashion-eCommerce in der UK im 2011 war. Und in 2012, 2013 und in Frankreich, der Türkei, Deutschland und in Japan.

Die allermeisten dieser Zahlen-Profis verlieren sich jedoch unendlich bei der Frage welche 3 Haupttrends für Ihr Geschäft in den nächsten 24 Monate wichtig sind. Sie haben zwar das theoretische Wissen verstehen es aber nicht es auf Ihre aktuellen beruflichen Herausforderungen anzuwenden.

Die Intrapreneure sind das Gegenteil: Sie interessieren sich auch für Zahlen, lernen diese nicht auswendig, sondern speichern die Schlüsse die sie daraus ziehen für sich ab. Viele von diesen Leuten erkennen so intuitiv was relevant ist und haben auch den Mut diese Erkenntnisse nicht nochmals gegen zu prüfen. Das würde ich auch gerne.

Alarmismus

Und die Digital-Beraterbranche nutzt diese Studien dann um zu betonen wie bedroht doch die hiesige Industrie auch sei und wie alles den Bach runtergehe, wenn nicht endlich etwas in Richtung digital getan werde. Das empfinde ich teilweise als bewusstes Spiel mit der Angst.

Verstehen Sie mich nicht falsch; natürlich bin ich auch der Meinung, dass Veränderungsprozesse in Richtung Digital auf ganzer Ebene beherzt angegangen werden müssen. Wer, wenn nicht ich! Nur nehme ich vielen Beratern nicht ab, dass sie diese Predigten nicht vornehmlich aus Eigennutz vom Stapel lassen.

Mitverdienen bis zum bitteren Ende

Denn zu oft habe ich erlebt, dass genau solche Berater ihren Kunden eben nicht reinen Wein einschenken (à la: „Geschäftsbereich xy hat keine Zukunft“), sondern an der langwierigen „Lösung“ von Digitalen Herausforderungen ganz ordentlich mitverdienen. So lange, bis das von Anfang an unmögliche Unterfangen aufgegeben werden muss.

Nicht ganz ohne Zweck für die bestehende Wirtschaft

Auf meinen oben erwähnten Tweet kam umgehend folgender, berechtigte Einwand:

Und ja ich denke er hat recht, das ist ein Aspekt den ich bislang verdrängt habe. In der Tat: Wenn nur ein großer Konzern durch eine solche Studie geweckt und auf die richtige Bahn gebracht werden kann ist das hilfreich. Ob durch Angst oder Motivation ist erstmal zweitrangig. Denn wie ich Entscheidungsträgern in der Diskussionen über die Digitale Transformation oft sage: «Nur eines dürfen Sie nicht tun: Nix tun. »

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