Digital Transformation: Das war’s wohl.

Ganz ehrlich, ich bin es langsam aber sicher leid über die Digitale Transformation zu schreiben. Das hat damit zu tun, dass ich denke, ich hab so ziemlich alles dazu gesagt, was ich zu sagen habe. Es hat aber auch ganz wesentlich damit zu tun, dass die Digitale Transformation zum Business – Dumpfbacken Thema schlechthin geworden ist. Jeder spricht darüber. Vor allem Non-Sense.

(Lesedauer: 5 Minuten)

Im 2012

Vor 6 Jahren gründete ich eine Beratungsagentur, welche sich um Belange der Digitalen Transformation kümmerte. Ich musste praktisch jedem neuen Kunden erklären, was denn die Digitale Transformation ist. Meist kamen so Fragen wie „Machen Sie Websites?“ Die Awareness zu wecken, dass es auf strategischer und taktischer Ebene wichtig war, sich Gedanken zu machen war unheimlich schwierig.

Für alle welche im Thema drin waren, war absehbar, was sich abspielen würde. Nur die Unternehmenslenker waren schwer zu überzeugen. Genau diese Unternehmenslenker können nun überhaupt nicht mehr aufhören über die Digitalisierung zu sprechen. Mit einem Mindestmaß an Reflektion würde man hier weiterkommen. Passiert aber groß mehrheitlich nicht.

Die nächste Welle verpassen

Und so verpassen wohl die meisten um was es in der nächsten Welle wirklich geht: Neue Geschäftsmodelle entwickeln. Ich habe schon ziemlich viel über den Unterschied zwischen Digitalisierung und Business-Disruption durch neue Technologien geschrieben. Ich würde mal behaupten, 80% sämtlicher CEOs in Deutschland können den Unterschied nicht erklären.

Schon die Digitalisierung nicht im Griff

Dabei ist es simpel. Wenn das bestehende Geschäftsmodell mit digitalen Mitteln und Werkzeugen abgewickelt wird spricht man von Digitalisierung. Das ist, hab ich auch schon darüber geschrieben, die Pflicht. Und ganz ehrlich, es ist nicht so kompliziert und so hochtrabend. Man muss nur einfach mal die offensichtlichsten Dinge tun. Digitale Bestellmöglichkeiten schaffen, Informationen bereitstellen, überall ein wenig schneller werden – und günstiger. Ziemlich unspektakulär aber sehr effektiv.

Dass das auch große Unternehmen können, zeigt z. Bsp. Ikea. Die „Digitalisierungs-Experten“ werden jetzt aufschreien – Ikea ist doch viel zu spät, hat das und jenes verpasst und und und. Wenn ich aber sehe, dass selbst meine Mutter auf Ikea.ch checkt ob Ware an Lager ist und dann ins Möbelhaus fährt, denke ich haben sie einfach mal was richtig gemacht. Denn obwohl „User Centered Design“ überall hoch gelobt wird, entstehen in den meisten größeren Firmen digitale Angebote, die dem User erstmal gar nix bringen.

Nein, die meisten Unternehmen scheitern selbst an grundlegenden und kleinen Dingen. Und daran ist nicht die Technologie Schuld, sondern eine Unternehmermentalität die von der Angst etwas zu verlieren geprägt ist.

So wird zögerlich vorgegangen, zu wenig investiert und am Ende, wenn „Halbbackenes“, das nicht funktioniert dabei rauskommt, sich wohlig in der Selbstbestätigung gesuhlt, dass man ja von Anfang gewusst hätte, dass das die Kunden nicht haben wollen.

Das habe ich ohne zu übertreiben in den letzten Jahren mehr als 100 mal erlebt. Und ich habe es satt.

Digitalisierungs-Business-Kasper Sprüche

Es hat sich zudem eine ganze Armada von Sprichworten und Memes herausgebildet. „Digitalisierung beginnt im Kopf“, „Culture eats Technology for breakfast“, „Digitale Transformation sind wie Kinder – sie können nicht geplant werden“ und wie sie alle heißen. Das war anfangs noch irgendwie ulkig und treffend. Mittlerweile sind wir aber doch gehörig überdosiert. Und die Sprüche sind für Unbedarfte meist auch irreführend.

Nein, Digitalisierung beginnt eben nicht im Kopf, sondern jeden Morgen. Von neuem.

Maximum Inspiration – und Prokrastination

Denn es wird einfach viel zu viel geredet und viel zu wenig gemacht. Manchmal habe ich das Gefühl, dass eigentlich alle genau wissen, was zu tun wäre, man sich aber nicht dazu durchringen kann, es auch tatsächlich zu tun.

Ja, klar hat dies mit der viel beschworenen Komfortzone zu tun. „Pro-aktives“ Handeln ist eben echt schwer weil es eine gewisse Unzufriedenheit mit einer an sich momentan guten Situation voraussetzt. Oder echter Ambition. Beides ist äußerst rar in unserer heutigen gesättigten westlichen Gesellschaft. Sozialer Aufstieg interessiert niemanden mehr. Zum einen weil es da meist gar nicht mehr so viel Raum zum Aufstieg gibt und weil diese konventionellen Unterteilungen in gesellschaftliche Klassen, zum Glück, auch irgendwie verschwunden sind. In einer solchen Situation, warum sollte ich als Einzelner Risiko nehmen?

Und drum wird weiterhin munter weitergetextet. Sitze gerade in der Airport Lounge und zähle um mich herum wie oft ich das Wort Digitalisierung oder Digitale Transformation in der Minute höre (bei 3 Takes): Durchschnittlich 4.5 mal. Ist sicher ein einmaliger Zufall.

Dann halt nicht

In mir wächst daher langsam aber sicher eine gewisse Gleichgültigkeit. Ich muss niemand mehr überzeugen sich und sein Unternehmen zu wandeln. Wer es heute nicht vorantreibt, der geht halt unter. Wer nicht hören will, muss fühlen, hat meine Großmutter selig jeweils gesagt. Das Ganze: nicht meine Baustelle.

Im Gegenteil; ich habe, denke ich, die Seiten gewechselt. Anstatt Unternehmern zu helfen die Digitalisierung voran zu bringen, bringe ich lieber mit Hilfe neuer Technologie neue Geschäftsmodelle in diese verschlafenen Branchen und Bereiche. Der Grund warum es diese Start-Ups gibt, sind fast immer die etablierten Player, die Veränderungen verschlafen. Der Grund warum es uns gibt, seid ihr. Sozusagen.

Mut zum Aufbruch

Ich habe mir vorgenommen die nächsten Jahre grössere Themen anzugehen. Mehr Risiko zu nehmen. Dinge von denen andere erstmal sagen, dass man sie in der Realität nicht machen kann. Sonst könnte ich auch einfach wieder ein Beratungsbusiness aufmachen. Würde laufen wie geschmiert – aber eben keinen wirklichen Unterschied in der Welt machen. Ich scheitere lieber auf dem Weg, als nicht auf den Weg zu gehen. Und wenn bei Ihnen jetzt die Kopfstimme reinruft „Fail fast“: Ich finde scheitern zutiefst uncool.

Mehr Risiko nehmen ist, was auch große Unternehmen vermehrt werden tun müssen. Ihr Geschäftsmodell umbauen, bevor es einen konkreten finanziellen Anlass dazu gibt. Was viele nicht realisieren ist, dass Geschwindigkeit durchaus eine Rolle spielt. Denn während große Unternehmen noch rumeiern und sich fragen ob das oder jenes sich durchsetzt, werden andernorts bereits Fakten für die Zukunft geschaffen. Was von den Etablierten erstmal genüsslich belächelt wird. Fair enough.

Gegen das Schaffen von neuen Businessmodellen bei laufendem Betrieb ist die Digitalisierung ein Treppenwitz. Was auf die „Digital Transformation“ folgt ist die „Business Transformation.“ So oder so.

 

 

 

 

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12 Kommentare zu Digital Transformation: Das war’s wohl.
  1. Amor Dhaouadi Antworten

    Ein sehr guter Artikel. Vielen Dank.
    Die Resignation ist nicht gerechtfertigtt, da das Verhalten vieler etablierten Players in der Geschichte vieler Disruptive Technologies begründet ist. Langsam lernen aber viele Unternehmen aus der Geschichte der gescheiterten Unternehmen (Beispiele sind viele: Nokia, Kodak, Sony Walkman, usw.).
    Leider lernen wir aus den Erfolgsgeschichten nur das Endprodukt und bestaunen deren Führung. Wir ignorieren, unbewusst, dass der Weg nach oben sehr steinig und schwierig ist.
    Ich bin der Meinung, dass der Weg der kleinen Schritte viel weiter bringt, als die grossen Veränderungen, denn Veränderung ist der Feind Nummer eins von erfolgreichen Firmen.

  2. Jean Antworten

    Das Problem:

    – Der Deutsche ist furchtbar geizig.
    – Der Deutsche ist furchtbar konservativ.
    – Der Deutsche ist furchtbar ängstlich.

    Und vor allem so unfassbar naiv.
    Mittelständler, die ernsthaft der Meinung sind, Google hätte gerade höchstpersönlich bei ihnen angerufen, um kostenlos das Online Marketing für den hauseigenen Webshop zu übernehmen. Felsenfest davon überzeugt, es handle sich um Larry Page höchstpersönlich.

    Es ist einfach zu spät für Deutschland.

  3. Sebastian K Antworten

    Eigentlich ist es doch ok. Es ist ein ganz normaler Markttransformationsprozess. Neue Technologien ermöglichen neue Geschäftsmodelle und tradierte Modelle überholen sich. Pureplayer wie Amazon / Zalando rollen von hinten alles auf, werden groß und werden wahrscheinlich selber irgendwann überrollt. Größe bringt halt Trägheit mit. Einzig interessant ist die Verkürzung der Innovationszyklen. Wenn es im letzten Jahrhundert noch mehrere Jahrzehnte gedauert hat, bis ein Modell überrollt wurde, dauert es heute vielleicht nur noch Jahre. Informationstransparenz ist in meinen Augen hierfür das Zauberwort. Das Internet ermöglicht es binnen Sekunden zu wechseln und damit tradierte Geschäftsmodelle wesentlich schneller auszuhöhlen. Oder?

  4. Thomas Antworten

    Toller Artikel! Ich denke (leider) wird es noch einige Jahre dauern bis die Generation, welche mit dem digitalen Spirit groß geworden ist die Oberhand auch in traditionellen Unternehmen hat. Aus eigener Erfahrung weiß ich zu berichten wie schwierig eine effiziente Herangehensweise an gewisse Problematiken für viele Entscheidungsträger heutzutage noch ist.

  5. Stephan Neuner Antworten

    Schon klar, wir wissen, daß an der Digitalisierung kein Weg vorbeiführt … und wer früh in dieses epochale Thema eingestiegen ist, dem erscheint die Erkenntnis und Umsetzungsgeschwindigkeit auf breiter Front als viel zu gering … meiner Erfahrung nach liegt das Hauptproblem doch darin, daß sich die CEOs, GF, Unternehmenslenker, insbesondere im Mittelstand, viel zu viel mit dem Tagesgeschäft befassen. Ihre Arbeitszeit ist oft nicht gut ausbalanciert: der Anteil an Management ist zu hoch, der Anteil an Unternehmensausrichtung (wozu Digitalisierung zählt) dagegen viel zu gering. Das eine ist dringend, das andere wichtig. Das Wichtige wird leider allzu oft dem Dringenden geopfert. Das kann fatale Folgen haben …

  6. Ömer Atiker Antworten

    Nun ja. Wenn wir schon nicht einzelne Menschen verändern können, wenn sie nicht wollen, warum sollte es dann bei Organisationen leichter sei?

    Ja, das führt zu einer gewissen Resignation, aber wir können niemanden zum Glück zwingen. Wenn Firmen dann untergehen, so be it, das passt dann vielleicht auch einfach nicht mehr in die neue Zeit.

    Wir können nur denen helfen die das wollen. Und bis auf weiteres finde ich das ein schönes und inspirierendes Feld.

    Nebenbei ist es erstaunlich, wie viel gesunder Menschenverstand schon ausmacht, wenn man ihn von außen bringt. Manchmal muss man diese Pille mit „digital“ bedecken, damit sie geschluckt wird, aber da heiligt der Zweck die Mittel.

    Transformation? Da geht noch was.
    :-)

  7. u.we Antworten

    Ha, da schreist Du ja den meisten die es verstanden haben aus der Seele.

    Jede Transformation braucht seine Zeit. Wir sind ungeduldig. „Transformation geht aber nicht schneller oder besser wenn man dran zieht oder schiebt“.

    Es gibt Firmen und Menschen die sind per se von Evolutionsvorgängen ausgeschlossen. Das dürfen und das müssen wir akzeptieren.

    Ob es die eine oder die andere Firma gibt oder nicht, ist nicht relevant für das gesamte System.
    Es ist viel mehr die Not die noch immer erfinderisch macht. Erfinderisch im Sinne von Möglichkeiten finden.

    Digitalisierung ist nur eine Veränderung von vielen die über uns seit je her kommt.
    Ich erinnere gerne an den Spruch von Dirks.

    Wir können uns nur über das was wir wollen bewusst werden. Alles andere sind Annahmen und Vermutungen die den eigenen Blick auf die Welt spiegeln.

    Wer nicht seinen Auftraggeber oder Arbeitgeber nicht transformieren kann – muss es ja auch nicht gezwungenermassen tun.
    „Transformier dich selbst.“ Das hat jeder mehr davon.

    Ich finde Deinen Artikel (und all die anderen) bringen es auf den Punkt und sind reflektiv. Ich les gerne weiter.
    Ohhh happy day…. :-)

  8. Erika Antworten

    Ein toller Artikel Alain! Ich habe das selbe Gefühl! Ich beschäftige mich mit der Versicherungsbranche, aber am liebsten würde ich eine Digital Insurance selber gründen!

    • Heinz Antworten

      So cool, Erika bitte umsetzen!
      Du bekommst bestimmt Rückenstärkung von Alain ;)

  9. Wilfried Schock Antworten

    Danke auch für diesen Artikel, den ich sehr gut nachvollziehen kann.
    Deshalb bin ich mir sicher, das Sie auf dem richtigen Weg sind und drücke alle Daumen.

  10. Andrea Susan Nolte Antworten

    Klasse Artikel. Diesem Stoßseufzer kann ich mich nur anschliessen. Wer´s nicht schnallen will, dem kann man wirklich nur sagen: watt schells, ist das mein Unternehmen?

  11. Christian Antworten

    100% Top…kann ich nur nachvollziehen, dabei haben Sie sich noch „nett“ ausgedrückt. Das Wichtigste scheinen auch Sie erkannt zu haben. Es ist besser Unternehmer zu sein, das Wissen für sich selbst zu nutzen, als der millionste Digitalberater der nichts, aber gar nichts verändern wird, weil die Zielgruppe im Grunde die Wandlung gar nicht möchte…

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