OroCRM & OroCommerce vor der Expansion. Ein Interview mit CEO & Co-Founder Yoav Kutner.

Letzte Woche hat Oro eine erste Runde Finanzierung angekündigt. In den letzten 3 Jahren hat die Business Application Plattform „Oro“ verschiedene Open Source Produkte wie OroCRM, OroCommerce und indirekt auch viele weitere wie Akeneo, Marello, Diamante Desk und TimeLap hervorgebracht. Ein Interview mit CEO Yoav Kutner, der vor Oro zusammen mit Roy Rubin bereits Magento aufgebaut hatte.

(Lesedauer: 5 Minuten)

Yoav, letzte Woche hat Deine Firma, Oro, eine 12 Millionen Finanzierungsrunde bekannt gegeben. Wie fühlst Du Dich?

Großartig! Wir haben die Firma in den letzten +3 Jahren gebootstrapped und in unsere Produkte investiert. Es ist daher eine großartige Bestätigung des bereits Erreichten und auch eine Art Proof für unser Open Source Geschäftsmodell.

Yoav Kutner

Für jene, welche die Details noch nicht kennen, kannst Du uns ein paar Infos geben?

Ja, wir haben soeben unsere erste Investitionsrunde in der Höhe von 12 Millionen USD unter der Führung von Highland Europe abgeschlossen.

Was habt Ihr mit dem Geld vor?

Vor dem Funding konnten wir nicht so schnell vorwärtsgehen, wie wir das gerne getan hätten. Nun mit dieser Finanzierung sind wir in der Lage mehr Risiko einzugehen und unseren Effort in der Produktentwicklung zu verdoppeln, um so Produkte, die es den Kunden ermöglichen erfolgreich zu sein, schneller auf den Markt zu bringen. Wir werden diese Kapitalspritze auch für eine schnelle Erweiterung unserer Verkaufs-, Marketing- und Partneraktivitäten überall auf der Welt nutzen.

B2B eCommerce ist hartes Brot. Gerade auch für KMU. Als ich mich zum ersten Mal durch OroCommerce durchklickte, dachte ich „ok, sie tun es nochmals“. Vor allem weil einfach viele Features die typischerweise sehr aufwändig zu implementieren sind, in OroCommerce schon enthalten sind. Wie groß sind Eure Ambitionen der Welt nochmals zu zeigen, dass Ihr eCommerce wieder revolutionieren könnt?

Wir sind enthusiastisch daran eine echte B2B eCommerce Applikation und Plattform zu schaffen. Aus jahrelanger Erfahrung mit tausenden von Händlern wissen wir, dass es eben bislang keine wirklichen Optionen gab, um die B2B eCommerce Herausforderungen zu meistern. Die bestehenden Plattformen hatten schlicht keine oder wenig B2B-Funktionalität und fokussierten sich, auch weil eCommerce im letzten Jahrzehnt allgemein mehr Beachtung fand, auf B2C Bedürfnisse.

In der Realität muss aber die B2B Customer Experience mit der B2C Experience gleichziehen können. Die Leute sind sich das von ihrem privaten Shopping ja gewohnt. Die Welt wird effizienter und die Telefonate, Faxsendungen und Face-to-Face Meetings sind auch im B2B nicht immer ein guter Weg heutzutage.

Tools zu bauen, die den KMU helfen relevant zu bleiben, liegt uns sozusagen in den Genen. Ich würde daher sagen, wir sind sehr ambitioniert, die Produkte mit den richtigen Features zu bauen, welche die B2B-Welt in das moderne Web-Zeitalter führen werden.

Dein Team hat einen ausführlichen Performance-Vergleich zwischen Magento 1 und Magento 2 gemacht. Das Resultat war, vereinfacht gesagt, dass Magento 2 grundsätzlich langsamer sei als Magento 1. Das hat ziemlich viel Aufhebens und Diskussionen generiert. Auf der einen Seite ist das ein technisches Thema. Andererseits kam aber auch die Frage auf, ob Oro eine „Hidden-Agenda“ bezüglich Magento hätte. Das Ganze fand seinen Höhepunkt, als Du Paul Boisvert (aktueller Head Product Management Magento) auf LinkedIn daran erinnern musstest, wer Du bist. Also, was ist Dein Verhältnis zu Magento?

Wie bereits erwähnt, haben wir unsere Firma seit dem Start gebootstrapped. Aus dem Grund machen wir unter der Marke MageCore (kommt vom ursprünglichen Spacename „Magento“ und „Core“ – gewissermaßen aus der Tatsache, dass viele ursprüngliche Magento Developer bei uns arbeiten) gewisse Umsätze aus dem Dienstleistungsgeschäft mit Magento Commerce. Als sich das Marketing für Magento 2 intensivierte, kamen verschiedene MageCore Kunden auf uns zu und wollten mehr über Magento 2 wissen. Und da das Upgrade auf Magento 2 ein Replattforming-Projekt und damit eine große Investition ist, fragten sie uns als ihr Systemintegrator, ob sich das lohnt und was die Vorteile dieses Schritts wären.

„Ich denke es ist immer gut, wenn man als Systemintegrator nicht einfach den Trends folgt, ohne mit seinen Kunden über die realen Fakten dahinter zu sprechen.“

So wurden wir damit auftragt, die Risiken und Vorteile des Upgrades auf Magento 2 und die daraus resultierenden Auswirkungen auf deren Geschäft zu evaluieren. Viele unserer MageCore Kunden sind High-Traffic/High-Order Sites. Also haben uns vor allem erstmal Performance und Hosting Kosten interessiert. Unsere Erkenntnisse waren nicht positiv und es sieht so aus, dass man, um dieselbe Performance wie auf Magento 1 zu erreichen, mit Magento 2 das 7 bis 8-fache ins Hosting stecken muss.

Ich bin froh, dass diese Analyse entsprechende Diskussionen im Ecosystem ausgelöst hat. Du kennst ja die Geschichte „Des Kaisers neue Kleider“. Wir begrüßen sämtlichen Input, der unsere Tests verbessert oder diese gar wiederlegen würde, da dies allen in der Community hilft.

Ich denke, wir sind wirklich ein integraler Bestandteil des Magento Ecosystem und haben als solchen einen wertvollen Test mit der Community geteilt. Wir arbeiten an den nächsten Schritten der Tests und sollten bald weitere Erkenntnisse veröffentlichen können.

Zurück zur Expansion von Oro. Ich denke, einer der größten Fehler mit Magento war, dass Ihr relativ spät realisiert habt, wie wichtig Europa für Euch war. Habt Ihr vor das diesmal besser zu machen?

Sehe ich auch so. Die zu langsame Reaktion auf die Europäischen Bedürfnisse war einer unserer größten Fehler. Ein Teil des Fundings in Oro geht denn auch in das Setup einer lokalen Präsenz in der EU. Wir haben bereits ein paar Entwickler und PMs in Europa, die mit den Europäischen Kunden arbeiten und wir werden das Team ausbauen. Dieses Mal werden wir also nicht nur „Drohnen“, sondern auch „Bodentruppen“ in Europa haben :-).

In meinem Artikel “Die eCommerce Stagnation” habe ich darauf hingewiesen, dass wir nicht gerade viel Innovation im eCommerce gesehen haben, seit Ihr Magento lanciert habt. Seht Ihr OroCommerce auch als Lösung die auf längere Sicht auch den B2C Sektor erneuern und damit diese Innovationslücke füllen könnte?

Ich teile die Einschätzung, die Du in Deinem Artikel machst. Es ist schon eine Weile her, seit wir viel Innovation im B2C Bereich gesehen haben. Auch denke ich, dass im B2B Bereich noch viel weniger ging. Aber das B2C Segment ist auch sehr fragmentiert und wird gerade ein ziemlich besetztes Feld mit immer neuen Akteuren die Plattformen anbieten.

“Mit OroCommerce fokussieren wir uns zuerst auf die Bedürfnisse des B2B eCommerce!”

Gleichwohl haben viele B2B Merchants durchaus auch Bedarf an einer B2C Präsenz. Das kann ja z. Bsp. nur ein Frontend Katalog sein. Aber auch eine vollständig transaktionale B2C eCommerce Seite. Da wir das Multi-Website-Feature in OroCommerce entwickeln, unterstützen wir solche Katalogseiten und einfachere B2C Websites in einer einzigen OroCommerce Instanz.

Trotzdem werden wir damit wahrscheinlich nicht an den Funktionsumfang von Magento rankommen, da die meisten Kunden das aufgeblähte Feature-Set von Magento sowieso nicht benötigen.

KMUs haben in der Regel große Schwierigkeiten beim Produktdatenmanagement, das ja entscheidend für eCommerce ist. Ich mag was Akeneo macht und im Gespräch mit Interessenten stelle ich fest, dass diese teilweise ganz bewusst auf diese integrierte Produktekette – OroCRM/Akeneo/OroCommerce – setzen, da sie darin einen großen Vorteil sehen. Ist das Teil Eurer Strategie und soll das weiter ausgebaut werden?

Absolut! Das war die treibende Vision hinter der Oro Plattform resp. BAP. Wir haben uns für die Investition in eine Plattform darum entschieden, um anderen Softwarefirmen die Möglichkeit zu geben, ihre eigenen Business Applikationen ohne den Aufwand für all jene Features, welche solche Plattformen in der Regel benötigen, Z. Bsp. ACL, User Management, Workflow Engine, Reporting Engine, etc., zu geben. Wir haben ein paar solche Applikationen jetzt launchen sehen. Z. Bsp. wie erwähnt Akeneo aber auch Marello, Diamante Desk und TimeLap.

Darüber hinaus ermöglicht es Unternehmen, ganz spezifische Eigenentwicklungen zu erstellen. Wir werden weiter in die Plattform investieren und Applikationen, die auf derselben Oro Plattform Version laufen, können auch im selben Environment betrieben werden.

Natürlich investieren wir viel in OroCRM und OroCommerce Integrationen und werden nahtlose Integrationen haben für B2B Firmen, die CRM mit B2B-eCommerce machen wollen. Ich bin stolz auf das, was Akeneo-Team aufbaut und eine der Prioritäten ist eine tiefe Integration zwischen OroCommerce und Akeneo PIM.

Sucht Ihr Leute in Europa?

Ja. Wir suchen Symfony 2 Entwickler, Vertriebler und Marketingleute für den europäischen Markt. Weitere Infos dazu findet man auf unserer Website.

Was wird die Produkt- und Preisstrategie von OroCommerce sein?

Unsere Community-Version ist natürlich kostenlos :-). OroCRM Enterprise kostet 59$ pro User bei mind. 5 Usern. Dieser Preis gilt sowohl für das SaaS-Angebot, wie auch wenn man on premise betreibt. Für OroCommerce sind wir noch daran das Pricing auszuarbeiten und sollten das an unserem ersten Oro Event der Momentum in Las Vegas bekannt geben können.

Ich habe das Gefühl, dass Open Source so wie wir es seit Jahren kennen an Wichtigkeit verliert. Vor allem weil proprietäre Hersteller teilweise ihre Code Base öffnen und auch weil viele Open Source Firmen doch Mühe haben, die Enterprise Editions zu verkaufen. Wie siehst Du das und siehst Du andere Open Source Modelle, die besser funktionieren könnten?

Ich denke, es ist noch immer ein sehr gutes Modell eine Open-Source Version zu haben. Oro ist mit sehr kleinem Invest in Marketing gestartet und doch konnten wir Kunden und User überall auf der Welt in kurzer Zeit gewinnen.

Das wäre auf konventionelle Weise sehr viel teurer gewesen, also mit proprietärer Software und einer traditionellen Marketingstrategie. Zudem, die Vorteile tausende von Benutzern zu haben, die Feedback geben, ist von unschätzbarem Wert. Wir lernen so, was von unseren Produkten unsere Community wirklich benötigt und mit was sie Probleme haben.

Ich denke, der Grund warum ein paar Open Source Unternehmen Mühe bekunden, Enterprise Editions zu verkaufen, ist, dass der Wert und die Zielgruppe nicht klar sind. Bei Oro gehen wir das ein bisschen anders an. Abgesehen von Integrationen die teuer im Support sind, ist das Feature-Set identisch. Der Hauptunterschied besteht in der Qualität und in den Skalierungs-Features (z. Bsp. Job-Queue, wenn man viele User hat, Enterprise Report Engine, etc.).

Wir glauben, dass ein Business, das wächst, automatisch die Kostenanalyse macht und mehr für Performance und Stabilität ausgibt. Wir werden zudem auch ein paar Dienstleistungen anbieten, damit Unternehmen z. Bsp. einen Data Store von uns bekommen können, anstatt es selber implementieren zu müssen.

In Deutschland bekommt Spryker gerade mehr und mehr Aufmerksamkeit. Hauptsächlich wegen des modularen Konzepts und der Tatsache, dass ihre Codebasis von den größten eCommerce Playern in Europa genutzt wird. Was denkst Du über den modularisierten Ansatz, der ja zweifellos zu mehr Flexibilität und Agilität für große Unternehmen führt?

Ich bin nicht sehr vertraut mit der Lösung von Spryker. Aber mir scheint, dass ein modulares System nichts wirklich Neues ist. Sie haben mir ein paar der Konzepte und Ideen gezeigt und offen gesagt, hat mich das sehr an die großen Deployments erinnert, wie wir sie mit Magento umgesetzt haben. Sie sagen, ihre Lösung sei besser als andere Lösungen auf dem Markt. Aber ich habe keine Fakten, die das unterstützen. Trotzdem ist das ein ein tolles Team und ich wünsche Ihnen alles Glück.

Ich mag jedoch Modularität, wenn es darum geht, Applikationen zu bauen, da es Unternehmen erlaubt, die Features, die sie brauchen, um erfolgreich zu sein, zu erweitern oder neue hinzuzufügen. Das hat natürlich seinen Preis wie z. Bsp. Performance oder Time-to-Market.

Yoav, vielen Dank für Deine Zeit!

Artikel auf Social Media teilen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Bitte mache folgende Angaben: Dein Name, Deine E-Mail Adresse und Dein Kommentar.