Der Ladepark – Big Business der Zukunft.

Ich muss gestehen, als ich mich mit der Transformation der Automobilbranche auseinandersetzen begann, dachte ich, dass alles viel länger ginge. In der Tat geht vieles schneller und beschleunigt sich zunehmend. Es ist spannend zu sehen, wie die bestehenden Anbieter die Konzepte der Newcomer aufnehmen und wo sie dies nicht tun oder verstehen. Nicht alles Neue ist automatisch gut und zukunftsweisend.

 (Lesedauer: 5 Minuten)

3 zusammenhängende Paradigmenwechsel

Die Automobilbranche durchgeht 3 miteinander zusammenhängende Paradigmenwechsel. Das ist zum einen die Transition vom Verbrenner- auf den elektrischen Antrieb, der Übergang vom Steuerungskomponenten-basierten Auto zum Software-basierten und der Übergang vom menschengesteuerten, individuellen Auto zum autonomen Flottenfahrzeug.

Alle drei Paradigmenwechsel beeinflussen einander begünstigend. Elektroautos werden unter dem Strich fundamental weniger kosten als Verbrenner, das software-basierte Fahrzeug ermöglicht es die Wartungs- und Funktionskosten zu reduzieren und erleichtert das autonome Fahren. Und das autonome Fahren wird den öffentlichen Nahverkehr und den Individualverkehr komplett neu definieren – und damit auch das Geschäftsmodell der Anbieter automobiler Technologie.

„In der Automobilbranche werden nicht die Karten neu gemischt – es wird gerade das ganze Casino umgebaut.“

Schreckensgespengst „Laden“

Man muss das leider so deutlich sagen: Es gibt die allgemeine Elektromobilität und es gibt Tesla. Die allgemeine Elektromobilität ist etwas, was ich mir unter keinen Umständen antun würde. Zu klein sind die Reichweiten, zu mühsam ist das laden unterwegs, zu langsam und unkomfortabel sind die Autos.

Ein allgemeines Elektroauto nach dem Schlage der Renault Zoe oder BMWi3 ist ein perfektes Stadt- oder „Radius“-Auto. Sobald der tägliche oder wöchentliche Aktionsradius grösser wird (Strecken über 200 km) wird es super-mühsam. Unterschiedliche Abrechnungssysteme, viele nicht funktionierende Ladesäulen, aufwändige Lokalisierung der Ladesäulen. Das will ich mir auf keinen Fall antun.

Es gibt hunderte Gründe, warum sich Leute einen Tesla kaufen. Ich glaube den typischen einen Grund gibt es nicht und schon gar nicht ist er, wie die breite Öffentlichkeit wohl meint, die Ökologie. Spricht man aber mit Tesla-Besitzern ist klar, dass das Tesla-eigene Ladenetz praktisch immer mit ein Grund war, sich für Tesla zu entscheiden.

Damit wurde der Tesla erst alltagstauglich. Will ich z. Bsp. von Basel nach Helsinki fahren gebe ich die Strecke im Navi ein und ich bekomme die Route inklusive aller Ladestopps vorgegeben. An den Ladestationen stoppe ich alle 3- bis 400 km und lade zwischen 15 und 30 Minuten nach. Stecker einstecken, laden und gut ist. Keine Ladekarten, keine „Kreditkarte-SMS-Rückbestätigung-Was-Weiss-Ich-Alles“. Ich mache mir gar keine Gedanken darüber, dass ich mich ums Laden kümmern muss. Alles an Aufwand darüber wäre mir auch zu blöd und ich würde Panamera fahren.

Es kann doch nicht sein

Letzthin wurde ich glaube ich auf Twitter angesprochen, dass es doch nicht sein könne, dass jeder Hersteller sein eigenes Ladenetz aufbaue. Das scheint auch der allgemeinen Sichtweise der traditionellen Automobilindustrie zu entsprechen. Es werden die Forderungen nach staatlicher Unterstützung beim Aufbau der Ladeinfrastruktur immer lauter. In der Schweiz ist der Staat sogar irgendwie selber auf die Idee gekommen.

Ich kann dem überhaupt nichts abgewinnen und finde es aus volkswirtschaftlicher Sicht komplett falsch. Warum sollte der Staat mit für ein Produkt bezahlen, welches private Anbieter lancieren. Umso peinlicher werden diese Forderungen, wenn man dazu in Kontext setzt, dass das kleine notorisch für bankrott erklärte Tesla aus eigener Kraft ein flächendeckendes Ladenetz baute. Warum sollte das VW, Mercedes, BMW und Co nicht auch können?

Nein, es ist ein völliger Irrweg nun den Automobilherstellern noch unter die Arme zu greifen. Wenn der Staat, egal welcher, etwas für die Elektromobilität tun möchte, kann er das mit ganz einfachen Mitteln. Z. Bsp. der Verpflichtung von Vermietern den Mietern die Installation einer Ladestation für den Parkplatz (auf Kosten des Mieters notabene) zu ermöglichen.

Das Laden gehört zum Produkt

Was die bestehenden Anbieter offensichtlich nicht verstehen ist, dass das Laden auf Langstrecken Teil der Produkterfahrung ist und sich großartige Business-Chancen daraus bieten.

Den Kunden regelmäßig im Kontakt zu haben ist entscheidend. Nicht von ungefähr haben alle großen Marken ihre Händler dazu gezwungen, ihre Autohäuser einem einheitlichen Markendesign zu unterwerfen. Das Autohaus wird wegfallen und damit auch der Touchpoint. Die Hersteller werden das wenige an Service selber machen, weil sich mit dieser kleinen Wertschöpfung keine derartige externe Serviceorganisation mehr finanzieren lässt. Auf die Gefahr hin, dass ich mir wieder anhören muss, ich sei ein blinder „Tesla – Fanboy“: Wer Fragen zum Modell des zukünftigen Automobilherstellers hat, findet bei Tesla derzeit fast alle Antworten.

Der Ladepunkt – eine riesige Chance

Der Aufbau dieser Infrastruktur ist für die Hersteller eine große Chance. Sie können jetzt, und nur jetzt, den Grundstein dafür legen, dass sie sich in der Zukunft neue, starke Revenue-Streams schaffen können.

Denn Ladestationen resp. Ladeparks wie sie Tesla zu hunderten schon gebaut hat, bieten vielfältige Geschäftsmöglichkeiten. Zum einen kann dort Strom verkauft werden, zum anderen können dort Geschäfte, Restaurants, komplementäre Services und die perspektivisch auch die Servicestationen integriert werden. Tesla hat das offensichtlich erkannt und experimentiert bereits mit ersten Stationen, wenn auch auf wirklich kleiner Flamme.

Langfristig werden zwei verschiedene Arten von Ladeparks relevant. Jene für Langstreckenfahrten und jene in der Stadt oder Agglomeration für Leute welche zu Hause nicht laden können.

Bei jenen für die Langstrecke ist es meiner Meinung nach von entscheidender Wichtigkeit die Customer Experience so zu gestalten, dass der Kunde sich in kurzer Zeit von langen Fahrten gut erholen kann.

Für die lokalen Ladeparks ist es wichtig, möglichst komplementäre Services anzubieten. Shopping wie wir es von Tankstellen kennen – vor allem aber auch Pick-Up-Points von Online-Händlern. Die Möglichkeiten sind nahezu grenzenlos. Und sie haben einen direkten Impact auf die angestrebten Ladezeiten. Ich behaupte diese müssen nicht mehr schneller werden als die heutigen bei Tesla. Schneller Ladezeiten sind in dem Kontext sogar kontraproduktiv.

Es würde mich nicht erstaunen wenn wir in den nächsten 24 Monaten eine entsprechend Pick-Up Kooperation zwischen Amazon und Tesla in den Staaten sehen würden. Zuerst muss wohl die Kundenbasis von Tesla in eine für Amazon relevante Größenordnung kommen. Das kann dauern.

Wie ein Airport im Kleinen – aber besser

Eigentlich ist der Ladepark so ein wenig wie ein Airport, vom Modell her. Wir haben auch einen Umstand (das Laden resp. die Flugabfertigung) der verlässlich Passagiere in großer Zahl bringt. Der Ladeparkbetreiber muss eigentlich nur dafür sorgen, dass er Geschäfte in Konzession managen und ansiedeln kann. Darüber, kombiniert mit eigenen Services und Angeboten, lässt sich gutes Geld verdienen. Der Vorteil der Ladestation ist, dass der ganze Pax-Transaktion einfacher ist.

Kompatibilität

Natürlich sollten die verschiedenen Ladesysteme untereinander kompatibel sein, was sie heute noch nicht sind. Aber da mache ich mir keine Sorgen, sobald Ladepunkte als Business gesehen werden, habe ich als Betreiber ein natürliches Interesse daran, möglichst viele Autofahrer bei mir zu haben. Für die Automobilhersteller ist das zusätzlich eine sehr gute Möglichkeit, Kunden auf die eigene Marke zu konvertieren.

Kontraproduktiv

Nun, um auf die oben erwähnten Punkte zu kommen, muss man nicht besonders schlau sein. Sie ergeben sich sozusagen aus den Veränderungen die wir sehen. Umso stärker stellt sich mir die Frage, warum die deutschen Hersteller dieses vergleichsweise kleine Investment nicht machen. Diese Chancen nicht sehen.

Ich glaube das hat wohl damit zu tun, dass man sich gedanklich noch zu fest im heutigen Konzept der individuellen Mobilität mit der Rollenteilung Automobilhersteller, Tankstelle, Treibstoffproduzent, Händler- und Servicekonzessionär etc. befindet.

Es ist immer schwierig auf neues Terrain zu gehen, Investitionen zu wagen. Das ist mir völlig bewusst. Es ist aber auch selten, dass einem sozusagen auf dem Silbertablett ein neuer zukünftiger Revenue-Stream präsentiert wird. Einen Revenue-Stream den man in Zukunft dringend benötigen wird. Wann das autonome Fahren dann voll durchschlägt. Notabene „wann“, nicht „wenn“.

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2 Kommentare zu Der Ladepark – Big Business der Zukunft.
  1. Nicolas Keller Antworten

    Ein sehr guter Kommentar. Diesbezüglich interessant am Schweizer Markt im Vergleich zu anderen Ländern ist die relativ gewichtige Rolle der Importeure. Wenn also die Deutschen (oder andere) Hersteller nicht bereit sind entsprechende Aufbau-Arbeit zu leisten, könnte auch eine AMAG eine entsprechende Rolle übernehmen. Zumal diese teils noch enger mit dem Werkstatt-Netz verbunden ist, als die Autokonzerne selber. Eine recht einmalige Gelegenheit im Europäischen Kontext.

  2. Karl Leinstein Antworten

    Grossatig zusammengefasst. Besser kann man es nicht beschreiben. Ich denke die Menschen kaufen kaum e-Autos (ausser TESLA) weil es sie nicht in entsprechender Auswahl und Reichweite mitsamt Ladeinfra, nicht gibt. Ich denke es sollte auch eine Art „eigene“ Ladeinfrastruktur geben, von mir aus auch von Stromanbietern und Gemeinden. Die Abrechnung müsste man halt vereinfachen. Es gibt bereits Modelle in Österreich, aber ob die wirklich funktionieren, werde ich herausfinden wenn ich mein MODEL X bekomme !
    Bitte weiter solche Artikel, die Wirtschaft muss endlich
    aufwachen und die E-Mobilität endlich zur Kenntnis nehmen und als grosse Chance begreifen…Beste Grüsse !

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