Das Märchen von der Job-Vernichtung!

Es vergeht keine Woche in der ich nicht lese, dass die Digitalisierung Jobs vernichtet. Wohin mit all den Leuten? Die Technologie mache die Arbeit obsolet und die Maschinen übernähmen. Da gehen bisweilen die Pferde vollends durch. Denn in Tat und Wahrheit ist es überhaupt nicht so, dass die Technologie die Arbeit des Menschen vernichten würde. Im Gegenteil. Aber sie verändert die Arbeit.

(Lesedauer 4 Minuten)

Fakten

Die Anzahl der totalen Stellen steigt seit jeher. Zwar können Kriege und Krisen dem Wachstum kurzfristig Einbrüche bescheren. Auf längere Sicht jedoch steigt die Anzahl beschäftigte immerzu. Es gibt also immer mehr Jobs.

So lag z. Bsp. die Gesamtanzahl der Stellen in West-Deutschland im Jahr 1950 bei 19.5 Mio. 40 Jahre später, im Jahr 1990 ist sie bereits auf 30,4 Mio. gewachsen. 1991, bedingt durch die Wende sind weitere 8 Mio. Jobs hinzugekommen und wir liegen nach weiterem Wachstum im 2012 bei rund 41 Mio. Stellen. Je nach Kalkulation mit Ostdeutschland sehen wir also eine Erhöhung um rund 65% über die Jahre.

Sie werden mir entgegnen, dass das ja ganz logisch sei, denn es habe ja auch viel mehr Leute in Deutschland. Recht haben Sie es sind mehr. Aber es sind nur rund 11% mehr als 1960.

Was wir aber berücksichtigen müssen, sind die enormen Produktivitätszugewinne, wie dieses Beispiel des Deutschen Bauernverbandes schön zeigt: War 1950 in Bauer im Stande 10 Leute mit Nahrung zu versorgen sind es im Jahr 2012 mehr als 130. Also 13x mehr.

Obwohl die Technologie unglaubliche Produktivitätsgewinne ermöglichte, stieg die Anzahl Beschäftigte trotzdem und das nicht wenig. Unter dem Strich gibt es also mehr Jobs. Ganz einfach.

Veränderung der Arbeit

Was aber natürlich in hohem Masse zutrifft ist, dass sich die Arbeit verändert. Und da beginnen die Probleme.

Mein Vater z. Bsp. hatte Schriftsetzer gelernt und den Beruf in den 60er Jahren ausgeübt. Das hieß konkret: Bleibuchstaben wurden in einem Rahmen zusammengesetzt bis der fertige Text (spiegelverkehrt & auf dem Kopf!) stand und dann als Druckplatte verwendet werden konnte. Das war eine mühselige, aufwändige Arbeit die keine Fehler zuließ. Um eine einzige Seite eines Buches zu „setzen“ brauchte es relativ viel Zeit.

Später kamen die ersten elektronisch gestützten Systeme, welche Filme belichteten um dann die Druckvorlage auf eine Druckwalze zu ätzen. Das ermöglichte eine schnellere, einfachere und qualitativ hochwertigere Druckverarbeitung. Das ursprüngliche Berufsbild meines Vaters, der Umgang mit den Bleibuchstaben, verschwand. Bis auf die eine Maschine die man sich im Betrieb aus reiner Nostalgie behielt.

Mein Vater ist dem Betrieb und der Druckbranche treu geblieben. Als Schriftsetzer, am Computerbildschirm, hat er allerdings nie gearbeitet. Da gab es bereits jüngere und geschultere Mitarbeiter. Mein Vater hat, mit großem Erfahrungsrucksack eine natürliche Transition in andere Bereiche wie Verkauf, Kundenbetreuung und Teamleitung gemacht. Und seine berufliche Laufbahn tatsächlich auch in der Druckbranche abgeschlossen.

Der heutige Schriftsatz ist de Fakto nicht mehr existent – die Technologie hat die Übergangsstufen von der Erstellung des Textes bis zum eigentlichen Druck digitalisiert.

Langsame Transition in andere Berufe möglich

Die Generation unserer Eltern hat bewiesen, dass eine langsame Veränderung in einen anderen Beruf gelingen kann wenn der Wandel als Treiber dahinter nicht allzu schnell und stark erfolgt. Unglücklicherweise verabschieden wir uns davon aber gerade komplett; der technologische Fortschritt wird eben nur schneller und stärker und entsprechend werden die Branchen mehr und mehr umgekrempelt. Und mit ihnen die Mitarbeiter.

Beschleunigter technologischer Fortschritt verunmöglicht langsame Transition

Wenn sich die Technologie beschleunigt weiterentwickelt, wird es nicht mehr möglich sein diese verträgliche Transition zu vollziehen. Die Unternehmen können sich es nicht mehr leisten und müssen entsprechend einschneidende Entscheidungen fällen.

Auf das Beispiel meines Vaters hieße das, dass auf den Bleisatz direkt durchgehend automatisierte Systeme folgten. Keine Frage, dass der Arbeitgeber nicht plötzlich, sozusagen von einem Tag auf den anderen, 25 Schriftsetzer sonst wo im Unternehmen hätte platzieren können. Und von wollen (resp. „nicht dürfen“) müssen wir im wirtschaftlichen Klima der 70er Jahre sowieso gar nicht reden.

„In erster Linie ein Problem der Erwartung“

Diesen Satz hätte ich gerne als These gebracht, aber ich merke er tut den Leuten die unter diesen abrupten Veränderungen leiden, Unrecht. Da kann man dann dem entlassenen Opel Werksarbeiter und Familienvater mit „Erwartungsänderung“ kommen! Das ist schlicht und einfach unanständig.

Trotzdem denke ich, in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext ist es dann doch nicht so verkehrt:

Wir müssen uns von der Erwartungshaltung lösen, dass das Berufsleben gradlinig verlaufen soll.

Ein alter Hut denken Sie? Ja, alle sind in Diskussionen mit obenstehendem Statement einverstanden. Wenn jedoch wieder einmal bekannt wird, dass „Industriebetrieb xy“ wesentliche Teile manueller Arbeit automatisiert, ist der Aufschrei trotzdem laut. Hier ist ein Umdenken notwendig. Von allen.

Alle in der Verantwortung

Denn wer meint es betreffe nur die Arbeitnehmer, der hat das Problem nicht komplett erfasst.

Unternehmer

Es ist Dinosaurier-Denke zu meinen die Wirtschaft könne sich entsprechend ausklammern à la „Werdet halt flexibel“.

In 2015 sollte es jedem Unternehmenslenker klar sein, dass die Wirtschaft wie wir sie kennen Mittel zum Zwecke der Gesellschaft ist. Und nicht umgekehrt.

Ich denke es sind eben alle in der Verantwortung, mehr Flexibilität zu ermöglichen. Unternehmen müssen frühzeitig erkennen, welche Technologien welche Veränderungen zur Folge haben und ihr Personal entsprechend planen und einsetzen.

Es geht eben nicht, zu warten bis die neue Roboterstrasse verfügbar ist und dann innert weniger Monate die Beschaffung der Maschine und die Massenentlassung anzukünden. Das ist unverantwortlich – vor allem auch dem eigenen Unternehmen gegenüber.

Denn die Mitarbeiter tragen Wissen zu so vielen Dingen des Unternehmens in ihren Köpfen. Das gilt es mit zu nehmen. Dieses Wissen ist zwar unstrukturiert und nicht immer einfach zugänglich aber entscheidend für langfristigen Erfolg.

Arbeitnehmer

Und natürlich müssen Arbeitnehmer beweglicher werden. Da bin ich jedoch zuversichtlicher, weil ich sehr viele jüngere Menschen erlebe, die gar nicht die Absicht haben den ein und selben Beruf ein Leben lang auszuüben. Und ja, auch in ganz „einfachen“ Berufen ist dies der Fall.

Staat

Der Staat ist gefragt, diesen Wandel mit der Gesetzgebung zu ermöglichen. Nicht forcieren. Aber er muss die Voraussetzungen schaffen, dass sich die Gesellschaft und damit die Wirtschaft immerwährend reformieren kann. Je mehr das Ganze zum permanenten Reformprozess gerät, desto besser. Es bedeutet nämlich, dass die sozialen Umstellungen in kleineren Schritten erfolgen können und damit für alle einfacher werden. Was wir heute sehen, ist viel zu viel Festhalten an Dingen und Vorstellungen die man für allgemeingültig erklärt hat.

Ein Leben in der Komfortzone

Es muss aber auch klar sein, dass dieser Lebenswandel von gesichertem Einkommen und klar abgestecktem Bereich ein Ende hat. Er war nur möglich, weil uns die „Sättigungswirtschaft“ der letzten 100 Jahre eine ökonomische Scheinwirklichkeit bescherte.

Eigentlich ist das nur für eine Generation so richtig aufgegangen, nämlich jene welche grad nach dem Krieg sozialisiert wurde (also den Mangel und das Leid nicht so direkt mitbekommen hat) und in den letzten 2 Jahrzehnten pensioniert wurde (bevor die Digitalisierung so richtig durchschlug).

Dieses Modell des Lebens in der Komfortzone hatte nie eine Chance auf Bestand. Also bitte verabschieden wir uns davon. Und ich behaupte jetzt einfach mal, dass die Anzahl an neuen Chancen die höhere Unsicherheit locker wettmacht. Sie werden mir nun mit Ideologie kommen… recht so!

Denn jede Zeit hat seine Konzeption. War es in den Nachkriegsjahren das Bedürfnis nach materieller Sicherheit, sehen wir heute zunehmend Selbstverwirklichung im Vordergrund. Und das erreicht man nun mal nicht dadurch, indem man sich jeden Abend auf der Couch Fernsehserien reinzieht.

Nein, das interessante Leben beginnt dort wo die Dinge unsicher werden. Nicht gefährlich und/oder bedrohlich aber nicht alles darf gesetzt und voraussehbar sein. In diesem Kontext denke ich, passt dieses Mehr an Flexibilität und materiellem Risiko ganz gut in unsere Zeit.

Gesamtwirtschaftliche Agilität und Reformen

Wenn also Unternehmen und Mitarbeiter agiler werden müssen um in einem sich dynamisierenden Umfeld zu bestehend, ist es nur logisch, dass auch die gesamte Wirtschaft agiler werden muss.

Diesbezüglich ist der Reformbedarf auf breiter Ebene gewaltig und ich habe das Gefühl als würden diese Reformen geradezu blindlings ignoriert. Beispiele, von einander abhängig:

  1. Da ist zum einen die Vergütung von Arbeit. Ich habe bereits in einem anderen Artikel ausgeführt, dass sich die persönliche Arbeitszeit drastisch gesenkt hat und sich weiter senken wird. Wie soll das gehen, wenn die Entlohnung der Arbeit weiterhin an Zeit gekoppelt ist.
  2. Zum anderen zeigt die demographische Entwicklung, dass die Bevölkerung älter wird und wir das Maß in dem sie das tut gar nicht so gut voraussagen können, da sehr viel Technologie in dem Bereich die Situation weiter verbessern wird. (Stichworte: Technologiesprünge & Personalisierte Medizin)
  3. Und drittens ist die Grundlage für die Rentenwirtschaft, ein funktionierender Kapitalmarkt, gerade daran sich auf Nie-Mehr-Wiedersehen zu verabschieden. Oder glauben Sie ernsthaft, dass wir wieder auf ein Zinsniveau wie vor 30 Jahre kommen werden. Auf welcher Grundlage soll denn das passieren? Wird Kapital wichtiger oder unwichtiger? Ist nicht Zugang und Besitz von materiellen Gütern schleichend aber fundamental von Eigentum (als Basis für eine Zinseinnahme) entkoppelt worden in den letzten 2 Jahrzehnten?

Reinen Wein einschenken und weitergehen

Aber anstatt wir gemeinsam nach Lösungen suchen und uns darum kümmern die Erwartungen z. Bsp. an eine zukünftige Rente weiter zu relativieren, delegieren wir diese Diskussion in die Politik, die daraus ein kurzsichtiges, taktisches, individualinteressengetriebenes Theater macht.

Es ist halt einfacher sich um Details zu streiten, anstatt sich mit gefährlichen und umfassenden Themen zu beschäftigen. Daraus resultieren immer Reformen. Und diese sind nicht beliebt. Aber es wäre verträglicher permanent Reformen voranzutreiben als in großen Stücken Veränderungen hinzunehmen. Unsere Großeltern, wenn noch am Leben, können davon ein Lied singen.

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Ein Kommentar zu Das Märchen von der Job-Vernichtung!
  1. K. R. Antworten

    Auch wenn ich Dir grundsätzlich recht geben muss, muss ich gleichzeitig widersprechen.

    War ich doch in den 80er das schwarze Schaaf, dass sich durch diverse Jobs und ein unkonstantes Leben genau die Grundlagen für das heutige Leben schuf. Damals mit lückenhaftem, unkonventionellem Lebeslauf völlig chancenlos auf einen guten Job und dadurch für heute bestens gerüstet für die aktuellen Anforderungen, erlebe ich als Agenturchef tägl., das für genau dieses neue Leben niemand ausgebildet wurde.

    Entspringt die aktuelle Generation zwar dem Zwang zur Veränderung, lebt ihn aber selten aus eigenen Antrieb, agiert, reagiert und hechelt von Trend zu Trend, von Hype zu Hype und vergisst kritisch zu hinterfragen, aber vor allem selbständig zu erkennen was sinnvoll und was unsinnig ist.

    Persönliche Entwicklung, Schule, Ausbildung und private Erziehung, laufen noch in Mustern der prädigitalen Phase und stossen dabei an Grenzen die sie nie gelernt haben umzustossen.

    Somit ist die Angst der Menschen vor dem Jobverlust weniger die um den Job, sondern eigentlich die fundamentale nie wirklic gelenrt zu haben mit Abwechslung und der nun geforderten Flexibilität umzugehen!

    Solange als keiner zuerst das System dahingegend ändert, dass Menschen lernen mit Systemänderungen umzugehen, kann auch die Masse nicht auf Systemveränderungen reagieren.

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