Das hier ist nicht das AI-Zeitalter. Es ist das Zeitalter des AI-Buzzword-Bingos.

Ich werde auf Social-Media regelrecht zugebombt mit reißerischen Headlines und Snack-Content über AI. Es wird suggeriert, dass wir nun direkt im Zeitalter der künstlichen Intelligenz leben. Und dass wir die großen Fragen diskutieren müssen. Nur ist es leider so, dass wir mit AI ganz, ganz, ganz am Anfang stehen. Und dieses ganze „Ge-Hype“ ist sogar ziemlich problematisch für die weitere Entwicklung von AI.

(Lesedauer 4 Minuten)

Machine Learning ist wie Scrum – alle machen es schon seit jeher

Dass wir, und gerade im Tech-Bereich besonders, im Hype-Modus sind, zeigt sich in Bezug auf AI schon nur daher, dass nun ganz viele Unternehmen im Softwarebereich schon immer AI gemacht haben wollen. Das ist natürlich Nonsens. Nur weil Sie nun vielleicht Googles Vision API abfragen durch eine Ihrer Applikationen, machen Sie noch lange kein AI.

Wir suchen bei Parashift laufend talentierte Leute für unser Machine Learning Team. Es ist in der Tat äußerst schwierig richtig gute Leute in dem Bereich zu finden und ich behaupte, dass es die eben zahlreich gar nicht gibt. Was aber zu Hauf gibt ist Entwickler, welche am Rande schon mal irgendetwas mit Machine Learning gemacht haben und sich nun als Machine Learning Engineers vorstellen.

Es ist ohne das entsprechend tiefe Wissen super schwierig hier die Spreu vom Weizen zu trennen und ich habe die Erfahrung gemacht, dass genau dieses Wissen besonders in großen Firmen meist nicht vorhanden ist. So kommen sehr mittelmäßige Leute zu hochbezahlten Jobs – ganz einfach, weil die Leute, welche diese Jobs vergeben gar nicht so richtig beurteilen können wie gut jemand ist. Das treibt die Saläre in die Höhe und sorgt dafür, dass die Lösung von selbst relativ banalen Machine Learning Problemstellungen viel Geld kostet.

Ich bin immer wieder erstaunt wie sehr die ganze Softwareentwicklungs-Industrie bezüglich AI noch hinter dem Ofen hockt. Dabei, und ich werde nicht leid es zu sagen, wird es künstliche Intelligenz sein, welche die Softwarebranche und den Arbeitsmarkt in dem Bereich so richtig umbrechen wird.

Nein, Nein, Nein und nochmals… Nein.

Und Leute wie Mike Quindazzi, MD von PwC in den US, katapultieren sprichwörtlich im Minuten-Takt Buzzword-Bingo Tech-Snack-Content über ihre Twitter-Accounts in die Welt. Und das Heer der Ahnungslosen hängt solchen „Thought-Leadern“ bange an den Accounts und nimmt alles für bare Münze. Dabei ist fast alles nur Show. Ein bisschen coole Footage, eine markige by-line à la “Security robots are coming to a parking lot near you”.

Nein, es kommen so schnell keine brauchbaren «Security Robots». Nein, die AI übernimmt nicht das Krankenhaus. Nein, AI bestimmt nicht bald wann wir Kinder haben sollen. Nein, nein, nein.

AI steckt mehr als wir denken in den Kinderschuhen. Was wir im Moment damit tun, ist schlicht banal, es sind Grundlagen. Wer etwas anderes behauptet, hat das Potential von schnell selbstlernenden Systemen noch nicht erfasst und vergleicht die heutigen Errungenschaften mit dem was wir in Vergangenheit erreicht haben – anstatt mit dem daraus in Zukunft erwachsenden Potential. Ein typischer Fehler bei der Einschätzung von neuer Technologie.

Und die daraus erwachsenden philosophischen Debatten sind aus meiner Sicht kontraproduktiv in jeder Hinsicht. Zukunftsforscher wie Gerd Leonhard werden nicht müde einen Konflikt zwischen Technologie und Menschheit heraufzubeschwören. Als wären es nicht wir Menschen, die durch unseren unkontrollierbaren und unbändigen Willen zur immer weiteren Exploration all diese Technologie erst ermöglichen und verinnerlichen. Ein solches Bild zu zeichnen befördert nur die moderne Maschinenstürmerei. Anders als früher interessiert diese die Mehrheit der Menschen jedoch nur noch am Rande.

Bärendienst

Beides, das Generieren von überzogenen Erwartungshaltungen und die Maschinenstürmerei in Bezug auf AI, hilft unserem Verhältnis zum Feld der AI überhaupt nicht weiter.

Jetzt wo alle im Hype-Modus sind, fließen erhebliche Gelder in die Entwicklung von AI-basierten Systemen. Diese Systeme werden aber die massive allgemeine Erwartungshaltung nicht erfüllen können. Was droht ist ein neuer AI-Winter, also eine Periode in der das Vertrauen, die Investitionen und die Efforts in AI stark reduziert sind. Das wäre fatal.

Auf der anderen Seite verhindert die Reduktion von Technologie auf etwas außenstehendes und abstraktes eine echte Diskussion über die wirklichen gesellschaftlichen Herausforderungen eines immer schneller werdenden technologischen Fortschritts.

Und: diese grundlegende Diskussion, so beobachte ich das oft, beschäftigt vor allem Leute, welche noch vor dem breiten Einsatz von Internettechnologie sozialisiert wurden. Für sie ist die Fragestellung ob Mensch oder Maschine eine wichtige. Jüngere Menschen sind mit Maschinen aufgewachsen und empfinden sie bereits als Teil der natürlichen Umwelt. Gut möglich, dass das im Laufe der Zeit wieder ändert, wenn sie älter werden. Der Fortschritt im Gebiet der AI wird für Unkundige unwirkliche/magische Technologie hervorbringen. Vergessen wir aber bitte nicht, dass auch für meine Großmutter selig, das Aufleuchten der ersten Glühbirne ein magisches Erlebnis war.

Contenance

Wahrscheinlich ist es zu viel verlangt, von Leuten wie Mike Quindazzi oder Gerd Leonhard zu erwarten sich mit den Dingen weniger reißerisch und tiefgründiger zu befassen. Schließlich ist das ihr Business, verdienen damit ihr Geld. Und natürlich leisten beide in ihren Gebieten auch einen wertvollen Beitrag.

Ich wünschte mir aber oft, die Exponenten in AI-Tech würden den Ball ein wenig flacher halten. Mit mehr Bedacht, mehr Demut und mehr Sachlichkeit agieren. Ich wünsche es mir dann jeweils besonders, wenn mir wieder jemand ohne jeglichen Tech-Background an einem Apéro lautstark erklärt, was die Roboter von Boston Dynamics alles schon können und wie die uns überrennen werden und überhaupt. Und ich nur noch schweigen kann.

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