Brauchen wir ein Internet-Zeitalter der Aufklärung? Eine Replik.

Es kommt selten vor, dass Artikel veröffentlicht werden, die sich in vielschichtiger und tiefgründiger Weise den Adaptationsprozessen der Gesellschaft an die technologische Entwicklung widmen. Peter Diekmann (@derpeder) hat in den letzten Tagen einen solchen Artikel mit dem Titel «Was Dampfmaschinen mit Digitalisierung zu tun haben und warum wir ein neues Zeitalter der Aufklärung brauchen» in zwei Teilen (Teil 1 / Teil 2) geschrieben. Äußerst lesenswert. Eine Replik.

 (Lesedauer: 5 Minuten)

Denken in Analogien

Auch wenn ich vieles im Artikel spannend und richtig finde, fällt mir auf, dass wir in der Behandlung vieler dieser Aspekte doch immer recht in bestehenden gedanklichen Analogien verfangen sind. Es ist anscheinend einfach im Wesen des Menschen, dass wir die Veränderungen und Geschehnisse nur mit viel Mühe in einen grösseren, längerfristigen Kontext setzen können. Ich bin btw davon nicht befreit – ich versuche mich nur dagegen zu sträuben.

Zoomen wir aber ein wenig aus dem Detailgeschehen heraus (gerne bildlich vorstellen – so wie bei Google Maps), ergeben sich grössere Zusammenhänge – und ich meine vieles wird verständlicher.

Damit sind natürlich die Fragestellungen unserer Dekaden nicht beantwortet, es sind ja auch Detailfragen. Es ist, wenn man sich damit beschäftigt, gar nicht so schwierig, die großen Veränderungstendenzen für die Zukunft zu beschreiben. Geht man ins Detail, wird es schwierig richtig zu liegen.

Insofern also ein Minenfeld in das sich Peter Diekmann da begibt. Ich greife lose ein paar Punkte auf, die im Artikel genannt werden und die ich anders beleuchten möchte:

«Die Illusionen, mit dem Internet die Gesellschaft besser zu machen, hätte sich nicht bewahrheitet»

Ich habe das Referat von Sascha Lobo auf der Republica auch gesehen und für einen Moment war ich ganz bei ihm. Ein wenig nüchterner betrachtet, zeigt sich jedoch ein anderes Bild. Das Internet hat die Gesellschaft durchaus stark verbessert. Es haben sich nur die Versprechungen, die sich unsere Generation insgeheim gemacht hat, nicht erfüllt. Unsere Generation, heute um die 40, hatte hehre Ziele, einen ideologischen, akademischen Einschlag.

Und so stehen wir heute da und staunen, dass polemische Gespräche aus der Stammtischdomäne genauso den Weg ins Web gefunden haben wie unsere ideologisch gefärbten und über weite Strecken hypothetischen Wertediskussionen. Und die Jugend, diese Ausgeburt der Oberflächlichkeit, postet eh nur Bilder von sich, ihrem Essen oder irgendwelchen Popsternchen. Fuck it.

Was wir dabei verkennen und herabwürdigen: Dass es heute eben durchaus geschieht, dass der insgeheim leicht rechtsradikale Kleinbürger zusammen mit dem Secondo und dem syrischen Flüchtling gemeinsam kommunizieren. Auch wenn sie nur dasselbe Katzenvideo liken. Immerhin.

Das löst erstmal natürlich keine Probleme und schafft, wenn die Debatten hitziger werden, viele kleine. Aber es verhindert, dass eine Armada von gedanklich Festgefahrenen sozusagen im Stillen einen Großangriff aufkochen. Dass Kommunikation stattfindet ist wichtiger, als was kommuniziert wird. Da hat das Internet großes geleistet – halt nicht so wie wir uns das gedacht haben.

Das Ende der Ära der Faktenlage

Auch hier kann ich ganz subjektiv folgen. Ja ich kenne dieses Gefühl. Ich behaupte aber Bullshit 9.0 ist etwas was in der Gesellschaft schon immer die Basis der Meinungsbildung war. Dass sich unwahre, festgefahrene Meinungen und Vorstellungen zu ganzen Fronten bilden und urbane soziale Legenden entstehen, die frei von Fakten und Hintergründen sind, ist historisch gesehen die Norm.

Dass dieser Bullshit nun auch in die Elite überschwappt haben wir der «Demokratisierung» und der Verbreiterung der Kommunikation durch das Internet zu verdanken.

Und dass Bullshit auch wirklich Bullshit ist, ist dem Otto-Normal-Bürger meist auch erst durch die im Internet verfügbaren Informationen möglich zu erkennen. Dass es vielen an der Lust und am Wille fehlt, sich mit Dingen ernsthaft auseinander zu setzen ist ihnen nicht zu per se zu verübeln. Es ist der Lauf der Dinge. Was wir als Gesellschaft oder Intellektuelle dagegen tun können ist, unsere Nachfahren dazu zu bringen differenzierter zu evaluieren und zu kommunizieren. Kritisch zu bleiben. Barack Obama hat das in einer Jahrgangs-Antrittsrede für die Rutgers University perfekt ausgeführt:

«Die Grenzen zwischen realer und virtueller Welt werden sich auflösen»

Fakt ist diese Grenzen gab es nie. Es ist eher eine Vorstellung die wir uns von den Dingen machen. Wir machen zwischen konventioneller Technologie und digitaler Technologie bisweilen eine merkwürdige Unterscheidung.

Was in dem Zusammenhang spannend ist, ist etwas, dass ich «Technologie-Wahrnehmungsschwelle» nenne. Die simple Idee dahinter: Je weiterentwickelt und verbreitet eine Technologie ist, desto weniger nehmen wir sie als Technologie (sondern als natürliche Umgebung) wahr. Die virtuelle Welt und wird also nicht einfach in Kombination zur realen Welt stehen (ohne Grenzen), sondern wird ununterscheidbarer Teil unserer Realität. Ein vermeintlich kleiner aber wichtiger Unterschied.

Denn wenn wir von Bildung sprechen verkennen wir, dass diese Generationen die Nachkommen bereits mit dieser Realität aufwachsen. Das ist so wie wenn Sie bei einem Videospiel auf Level 12 einsteigen. Wie wollen Sie wissen was Level 12 ist und was es bedeutet bis hierhin zu kommen. Für Sie, als Neueinsteiger, ist das die Basis von der Sie starten.

Ich bin überzeugt, die Menschheit kommt intellektuell relativ leicht mit dem schnelleren Wandel mit. Nicht der oder die einzelne, sondern wir als sich permanent erneuernde Gesellschaft. Wie hinlänglich bekannt ist, sehe ich die großen Herausforderungen eher in ökonomischen und politischen/organisatorischen Fragen.

Brauchen wir ein neues Zeitalter der Aufklärung, gar eine zweite Aufklärung?

Man ist in der Tat versucht zu sagen «Jawoll». Aber ich zögere. Ich habe meine liebe Mühe mit diesen Analogien. Und den daraus erfolgenden Denkmustern à la wir müssen einfach XY nochmals tun. Die Vergangenheit ist ein relativ schlechter Ratgeber für die Zukunft.

Aufklärung ist nicht was Mami und Papi mit Sohnemann machen...

Sie mag ein guter Ratgeber in Bezug darauf sein, einmal gemachte Fehler nicht zu wiederholen. Aber vor neuen Fehlern schützt sie nicht. Und wir leben in einer Gesellschaft die höchsten noch wenige Parallelen zur Vor-aufgeklärten Gesellschaft aufweisen kann. Zuviel dieser «Mechanik» spielt meiner Meinung nach anders. Zu anders ist das heutige Umfeld.

Die Aufklärung im Sinne von des 17. Jahrhunderts ist eine Erfolgsgeschichte. Und mehr natürliche Entwicklung als angestossene Bewegung (ich kann das Raunen hören). Das Internet wird, solange jeder Information hineinstellen und verbreiten kann, diese Bewegung grundsätzlich unterstützen. Und es wird wie mit allem sein: 2 Schritte vor, einer zurück.

„Trotzdem“

Daher sollten wir vielleicht nicht eine neue Aufklärung ausrufen, sondern uns eher darauf konzentrieren, dass der Geist der westlichen Gesellschaft darauf beruht. Und an der Weiterentwicklung arbeiten.

Und uns nicht etwa auf eine verklärte Christlichkeit rück-besinnen, nur, weil gerade wieder «der Muselmann vor Wien steht» wie mein Großvater selig das heute nennen würde. Und ganz Facebook – von links bis rechts – gerade gesellschaftspolitischen Radau macht. Bleiben wir ruhig, tolerant, beständig, frei von Vorurteilen und Clickbaits. Und arbeiten mit unserer Jugend. Tomorrow never dies.

Führen wir also als Generation, die als erste so richtig mit dem Internet zu leben begann, den aufklärerischen Geist fort. Und ja, trotzdem.

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6 Kommentare zu Brauchen wir ein Internet-Zeitalter der Aufklärung? Eine Replik.
  1. Gilberto Correa Antworten

    Die Jungen verlernen das Denken durch die Sozialmedien. Stimme völlig zu.

  2. Dirk Schumacher Antworten

    Hallo Alain, schön was du da schreibst und natürlich ist es schön an alten Dingen festzuhalten, z.B. der Aufklärung (auch wenn sie mit der Kritischen Theorie und Postmoderne ein wenig umgeschrieben wurde)
    Aber ich fühle hier das gleiche, wie in deinem Artikel zur Universität. Es geht mir nicht weit genug.
    Wir bewegen uns von der realen immer mehr in die virtuelle Welt hinein? Nein! Die Menschen haben schon bei Neuromancer oder Matrix genau verstanden worum es geht. Und das war 1984 und 1999.
    Wir sind schon drin! Virtualität bedeutet den Boden unter den Füssen und die Logik von Entscheidungen zu verlieren. Warum halten sich so viele Menschen in Deutschland an der „Noch-Nicht-Digitalisieren-Welt“ fest und wollen garnicht „Transformiert“ werden. Weil sie spüren, was überall schon erodiert ist! Und das es schon passiert ist.
    Entscheidungen werden heute Agil getroffen. Auch in der Wissenschaft. Und zum Schluß kann man nur noch „nachher begründen“ was passiert ist.
    Bitte Alain hab Vertrauen in die moderne Gesellschaft. Trotz Populismus, Dummheit und Dschungelcamp. Heute zählt nicht mehr Demokratie, sondern das Vertrauen in das Team der Agilen Gesellschaft. Das ist die Zukunft.
    (OK, ich zweifle auch…)

  3. Juliane Antworten

    Hallo Alain,
    ich stimme Dir sehr überein. Ich denke, dass es niemals ein Zeitalter der Fakten gab, da man nicht verwechseln darf, was ein paar Philosophen und Wissenschaftler getan haben, während der Rest der Menschheit weiterhin an Seancen teilgenommen und in der Kirche um Vergebung gebeten haben.

    Es gibt auch Studien, die besagen, dass man dieser Ignoranz, die einem scheinbar häufiger im Netz begegnet, nicht mit Fakten begegnen kann. Weltbilder verstärken sich dadurch nur (https://youarenotsosmart.com/2011/06/10/the-backfire-effect/).
    Daher würde ich eher ein Zeitalter der Empathie einläuten wollen und zwar der Empathie im Netz. Das passt nämlich auch zu Deiner Sichtweise, dass on- und offline keinen Unterschied machen, wenn es um das Erleben geht. Auch wenn ich online bin und dort beleidigt werde, verletzt mich das, die Twitter-Oberfläche schützt mich nicht davor. Es muss also ein sozialer Umgang im Netz gelernt werden, mit Regeln und Best Practices, wie es eben auch offline der Fall ist (auch wenn sich nicht alle daran halten, es sind sehr viel mehr als im Netz, oder wie oft wird man mit dem Tod bedroht, wenn man sich mal beim Bäcker vordrängelt?).

  4. Klaus Burmeister Antworten

    Lieber Alain und Peter,
    das mit der „Aufklärung“ ist ein grosses Wort, ein gewichtes. Ich tue mich damit immer etwas schwer.
    Gleichwohl beobachte ich seit längeren Veränderungen unserer gesellschaftlichen Verfasstheit. Sie sind umfassender Natur, betreffen nicht nur die „Digitale Transformation“ allein. Es sind multiple Phänomene, von den tiefgreifenden Erfolgen der Wissenschaft und ihrem Freiheitspostulat über Verwerfungen gesellschaftlicher Kohäsion (durch Umbrüche in der Arbeitsgesellschaft und bei sozialen Gerechtigkeit) bis hin zu einer neuen bzw. alten Kriegsrhetorik. Weithin scheint der Konsens darüber zu schwinden, auf was Demokratie im Kern fusst: der rationale Diskurs. Was „wahr“ ist, ob im Klimadiskurs oder im Kontext der Migrations-Debatte, gerät u.a. in Filterblasen in Misskredit. Wenn man sich aber nicht mehr über Sachverhalte vernünftig verständigen kann (https://www.theguardian.com/environment/climate-consensus-97-per-cent/2016/jul/01/the-war-on-science-with-change-how-you-see-the-world), dann ist Kern der Gesellschaft, wie wir sie im Westen kennen, betroffen. Also doch eine Zeitenwende? Kaeser bringt einige Kernaspekte meiner gedanken sehr gut auf den Punkt (http://www.nzz.ch/meinung/kommentare/googeln-statt-wissen-das-postfaktische-zeitalter-ld.111900). Und nun?
    Ich bin kein Pessimist, sondern finde, ganz im Sinne von Anders (wir können mehr herstellen als wir uns vorstellen können), dass wir wieder mehr zusammendenken sollten, gerne auch vorausschauend. Sicher braucht es auch Visionen, aber auch klarer Analysen, um vorbereitet zu sein…, gerne aufklärerisch!
    Beste Grüße
    Klaus

  5. Tom Antworten

    Denke Aufklärung ist wichtiger als in der Vergangenheit unsere jungen verlernen das denken durch die sozialen Medien immer mehr sie werden zu Internet Zombies Gruss Tom

  6. Peter Antworten

    Danke für diese schöne Replik, hab ich gern zweimal gelesen – einmal schnell und einmal langsam.
    Ich stimme zu, dass das Internet nur etwas, was in der Gesellschaft schon da war, verstärkt. Auch, dass die Verständnisprobleme für analoge vs. digitale Welten sich allmählich rauswachsen ist richtig. Aber es ist eben nicht allein das Netz, sondern die Gesellschaft im Ganzen, die sich gerade radikalisiert. Und das hängt meines Erachtens ganz stark mit mangelnder Medienkompetenz zusammen (die ja auch nicht vermittelt wird und von den Medien sogar missbräuchlich ausgenutzt), zum anderen mit Überforderungen gegenüber der Informationsflut und -schnelligkeit. Deswegen gehen die „alten weißen Männer“ auf die Barrikaden und auch die jungen Abgehängten – eine explosive Mischung.
    Eine Aufklärung im paternalistischen Sinne der Humanisten kann heute nicht mehr funktionieren – auch da bin ich bei Dir, lieber Alain. Aber Du sagst es ja selbst, frei nach Lobo: TROTZDEM!

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