Auch wenn es schmerzt: Downsizing ist Key in der Digitalen Transformation.

Im Nachgang zu meinen Artikeln zur Automobilindustrie wurde ich oft gefragt, was ich denn an Stelle der Hersteller tun würde. Ich denke, es ist im jetzigen Moment äußerst schwierig die richtigen Entscheidungen zu treffen. Umso mehr erstaunt es mich, dass viele Firmen eins der offensichtlichsten Dinge nicht tun: Herunterfahren.

 (Lesedauer: 4 Minuten)

Schlanke sind schneller im Sprint. Im Marathon auch.

Eigentlich ist es ganz logisch; wollen wir etwas erreichen, sollten wir schlank und wendig sein. Kein Ballast mitschleppen der nicht notwendig ist. Damit Unternehmen die tiefgreifenden Veränderungen durch die Digitalisierung – die notabene erst noch auf sie zukommen werden – antizipieren und zu Ihrem Vorteil nutzen können, sollten sie agil, schlank und wendig sein. Und finanzielle Reserven haben.

Das heißt erstmal überall wo es möglich ist zu vereinfachen. Bürokratie abzubauen und die Mitarbeiter aus der Komfortzone herauszulocken. Angefangen vor allem beim (Mittel-)Management.

Ich erlebe viele Firmen welche unglaublich viel Speck angesetzt haben. Sie kennen das alle; Sie sehen in einen Betrieb und denken sich, wie können die so nur Geld verdienen. Es gibt Mitarbeiter welche sich ihr kleines Revier eingerichtet haben. Prozesse und Regeln die ihre eigene kleine Mechanik entwickelt haben und anscheinend über dem gesunden Menschenverstand stehen. Seit Jahren.

Zu viele Produkte

Was ich auch oft sehe, sind Unternehmen, die sich aufgrund ambitionierter Wachstumspläne stark verzetteln. Gerade der Autobranche scheint das mittelfristig zum Verhängnis zu werden. Anstatt man sich darauf konzentrierte, möglichst technologisch und strategisch weiter zu kommen, verbreiterten viele Hersteller Ihre Produktportfolios ins Endlose.

Das ging und geht erstmal auf finanziell, weil es natürlich für jede Nische auch Abnehmer gibt. Aber langfristig ist das nicht so eine tolle Strategie. Denn, dass sich Mobilität und Antriebstechnologie fundamental verändern, ist nicht erst seit gestern bekannt. Anstatt sich als Unternehmen darauf zu konzentrieren, gingen die Ressourcen in die Verbreiterung der Produktpalette.

Und so steht man nun da, mit einem riesigen Apparat und viel verlorener Zeit. Und sollte plötzlich alles, sprich Strategie, Produkte und Organisation umbauen. Ich finde, das ist unternehmerisch gesehen die viel schwierigere Aufgabe als etwas komplett Neues zu schaffen. Und eine welche auch weniger Lorbeeren einbringt. Das ist in Zeiten dieser hochtrabenden Konzernlenker ein nicht zu unterschätzendes Element.

Muss runter: Der Speck.

Runter mit dem Speck

Um sein Unternehmen vermehrt auf die digitalen Rahmenbedingungen anzupassen, sollten sie also erstmal als Firma abspecken. Es ist viel einfacher, sich als kleinere Nummer zu verwandeln, Neues zu schaffen. Betriebswirtschaftlich geht es in erster Linie darum, die Risiken zu minimieren, mehr frei verfügbare Reserven zu schaffen. Damit schafft man sich Handlungsspielraum.

Konkret heißt das, Produkte zu streichen, Beteiligungen zu verkaufen, Abhängigkeiten zu reduzieren und so leid es mir tut, auch Leute zu entlassen.

Was würde ich also konkret tun?

Ich denke es macht Sinn beim Produkt anzusetzen. Als erstes würde ich wie bereits erwähnt die Produktpalette zusammenstreichen. Dabei würde ich zum einen die Rentabilität aber vor allem die Repräsentativität der Marke berücksichtigen. Ich durfte gerade notgedrungener massen 3 Wochen einen Ultra-Low-Cost MiniVan von Mercedes fahren. Das war an sich ein Auto, das ganz ok war, aber es hatte nichts was ich mit Mercedes in Verbindung bringen konnte (außer das Logo). Solche Produkte bringen rein gar nichts. Die können weg, indem man sie zuerst in einen Subbrand auslagert und diesen dann verkauft.

Als zweites würde ich versuchen den Rückstand aufzuholen. Das tut man in der Automobilbranche derzeit in dem man ein Software-basiertes Auto baut. Also möglichst viel Funktionalität über Software steuert und so die Wartungskosten senkt und die Customer Experience erhöht. Das ist kein gigantisches Unterfangen. Ein Software-basiertes Konzept ist das Fundament der zukünftigen Mobilität, ganz egal welche strategische Wendung und Abzweigung sie nehmen wird.

Als drittes würde ich mich auf den Antrieb konzentrieren. Es ist rein betriebswirtschaftlich schon richtig, dass die Automobilbranche abwartet. Sie tun das, weil sie genau wissen, dass die Kosten für Batterien drastisch runterkommen werden. Und versuchen dann einzusteigen, wenn sie die tiefsten Entwicklungskosten zu gewärtigen haben. Wenn man Unternehmen mit dem Taschenrechner führt, ist das clever. In der richtigen Welt birgt das enormes Potential, dass es schiefgehen kann. Man kann dann schlicht zu spät sein. Ich setzte diesen Punkt trotzdem an letzte Stelle, weil zuerst die anderen beiden Punkte gefixt werden müssen um da weiter zu gehen. Es geht hier primär darum, das Risiko zu minimieren, denn alles auf einmal tun zu wollen wird die Unternehmung überfordern.

Kultur

Was aber ganz am Anfang und ganz oben geändert werden muss, ist die Kultur. Solange Konzernlenker am Werk sind, die trotz starker Verfehlungen auf Ihren Boni beharren und viel Geld abschöpfen, sendet das die falschen Signale in die Belegschaft und die Branche allgemein. Vielleicht bin ich altmodisch, aber eine solche Aufgabe sollte eine Ehre sein. 100% durch Anteile „incentiviert“. All in oder gar nicht. Bis man an eine solche Position kommt, sollte man privat finanziell so oder so aus dem Schneider sein.

Man muss es sich vor Augen führen: Mit den 13 Mrd. EUR die VW alleine in den USA für den Abgasskandal bezahlen wird, hätten sie sich in den letzten 10 Jahren 3 Unterfangen à la Tesla leisten können. Und bei diesen Zahlen sprechen wir erst von den USA – weitere Klagen sind bereits erhoben worden. Diese Art von Missmanagement muss beendet werden, wenn diese Firmen langfristig dominieren wollen. Und ich bin zuversichtlich, dass dies auch geschehen wird. Spätestens dann, wenn die Investoren das Interesse verlieren.

Daimler führend

Ein Hersteller von dem ich denke er ist gerade auf recht gutem Weg ist Daimler. Sie befinden sich gerade in dieser «Mach-Dich-Fit-Phase». Verschiedene Massnahmen, darunter die starke Verkleinerung des Niederlassungsnetztes, das Projekt «Prototyp Daimler 2020» das die Entscheidungsprozesse auf maximal 2 Ebenen reduzieren soll, Car2Go und eine geplante Reduktion der Modellpalette zeigen, dass Dieter Zetsche, Vorstand von Daimler zukunftsgerichtet denkt. Auf die Frage der Wirtschaftswoche, ob er denn bereit ist, das eigene Geschäftsmodell zu beerdigen, wenn es einem neueren Ansatz im Weg stünde, antwortet Zetsche:

Absolut. Wir leben in einer disruptiven Welt. Wir wollen lieber der Disruptor sein als der Disruptierte. Bevor wir angegriffen werden, wollen wir uns lieber selbst angreifen. Andere werden es schließlich auch tun. Es geht darum, dass wir selbst erfolgreicher angreifen, als andere dies tun werden.

Im Kleinen wie im Grossen

Ich glaube, dass es sich auch für kleinere Unternehmen lohnt, im Hinblick auf die Digitalisierung Ballast abzuwerfen und sein Geschäft fit zu machen. Natürlich darf das nicht dazu führen, dass Gewinne ausgeschüttet werden. Dieses Geld muss reinvestiert werden. Um der Zukunft des Unternehmens Willen.

Artikel auf Social Media teilen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Bitte mache folgende Angaben: Dein Name, Deine E-Mail Adresse und Dein Kommentar.