Alle sind jetzt Nerd, keiner ist mehr Yuppie!

Der Nerd hat es geschafft. Die Underdogs, die Wirros, die Freaks sind heute vermeintliche Leitfiguren der Populärkultur. In der Digitalbranche wimmelt es nur so von Leuten die einen auf Nerd machen – in Tat und Wahrheit aber ganz simple Hipster sind. Das ist nicht verwerflich, aber das ganze Getue ist völlig unnötig. Ein kurzer Kommentar zu Wahrnehmung von Subkultur und Mainstream. In der Digitalbranche.

(Lesedauer: 3 Minuten)

In der Kindheit mit Computern gespielt

Das höre ich jede Woche einmal: „Ich war halt als Kind mehr so drinnen, weißt Du, so mit Computern und Elektronik löten“. Nun, das ist unsere Generation. Es gab halt nicht viel Anderes das ähnlich interessant war. Und logisch ist auch, dass all jene die früher mit Elektronik rumgespielt haben, überproportional in der IT gelandet sind. So wie jene die nur im Wald waren heute wohl eher Waldarbeiter sind. Solange das mit den Computern in der Kindheit nicht zu irgendwelchen ernsthaft coolen Dingen geführt hat (und nein Abhängen im IRC (oder CB-Simulator) gehört nicht dazu), ist es auch nicht erwähnenswert. Haben doch alle gemacht.

The new chic: „Socially awkward“

Immer mal wieder treffe ich Leute an die eigentlich ganz gut drauf sind, aber im Umgang plötzlich den Steve Jobs raushängen müssen. Heißt, Sie werden ausfällig wegen nix oder plötzlich still oder was auch immer. Sie verhalten sich schlicht: «Socially awkward». Was offenbar vielen Leute nicht klar ist: Das wird bei «richtigen» Nerds nur hingenommen, weil sie in anderen Bereichen total brillant sind. Und es wird nur bei den Leuten zur Anekdote, die mit ihrer Brillanz richtig erfolgreich wurden. Alle anderen sind einfach irgendwie mühsam.

Witzig finde ich an diesem Chic, dass er gerade in einer Zeit Mode ist, in der das Bildungssystem offenbar versucht, jede noch so kleine Spurabweichung mit Extra-Behandlung zu parieren. Mache derzeit gerade mit einem meiner Kinder so eine Erfahrung im Kindergarten. Das Kind, aus meiner Sicht normaler geht es nicht, sei zu ruhig. Es brauche mehr Zeit. Und natürlich zusätzliche Betreuung (Upselling nennen wir sowas oder?).

Der neue „Anzug“: Hornbrille, Bart und Flanellhemd

Ich kenne ein paar wirkliche Nerds. Solche die brillant, intellektuell und solche die es leider nicht sind. Und dann kenne ich ganz viele, die sich für Nerds halten aber Bart, Hornbrille und Flanellhemd tragen. Oder Pullunder. Das sind Hipster und Hipster sind, egal was sie erzählen, in den allermeisten Fällen Yuppies.


(Hornbrille, Bart und Flanellhem; Komponenten der momentanen Uniform der Digitalwirtschaft)

Nun ist das per se mal ganz ok. Aber dann permanent einen auf pseudo-intellektuell zu machen und zu philosophieren nur um in einer ersten einigermaßen zügigen Diskussion nicht mitzukommen ist schon ein wenig, naja, peinlich. Oder sich ungefragt zu erklären wie intrinsisch man motiviert sei um zwei Wochen später die Firma zu wechseln, weil die 200 EUR mehr bezahlen. Alles erlebt.

Das sind natürlich jetzt alles viel zu generelle Aussagen. Und ich tue wahrscheinlich einem Teil der Leute unrecht. Man muss aber auch sehen, dass das Hipstertum mit Subkultur nicht mehr viel gemein hat. Vielmehr haben sich diese Äußerlichkeiten zu einer neuen Art (Digital-)Business-Uniform gemausert, ähnlich wie dem Anzug in den 80er Jahren.

Leute die machen und solche die nicht machen

Manchmal schmunzle ich über all die Fashion. Und komme mir alt vor. Ich hätte ja noch ein Flanellhemd – und Hornbrille habe ich seit der Zeit als das von meiner Mutter noch mit «ach wie schrecklich so eine hatte mein Vater als ich 14 war» kommentierte.

Ziemlich gut bin ich in den letzten Jahren damit gefahren, zu versuchen gar nicht mehr auf Äußerlichkeiten zu achten. Hört sich extrem abgedroschen an, ich weiss, ist aber gar nicht leicht. Man ist viel zu tief in vorgefertigten Meinungen verfestigt. Auszubrechen ist fast unmöglich. Gut ist das nicht.

Und ich will gar nicht wissen, wie viele Leute sich so uniformieren (Bart, Flanellhemd, Hornbrille) und dann auch in eine Ecke abgestellt werden. Dabei wäre das gar nicht notwendig. Denn jene die etwas auf die Beine stellen können, die machen ihren Weg so oder so. Die anderen bleiben gutes Mittelmaß, ob mit oder ohne Pullunder.

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Ein Kommentar zu Alle sind jetzt Nerd, keiner ist mehr Yuppie!
  1. Ivana Baric-Gaspar Antworten

    Lieber Herr Veuve,

    ich möchte Ihnen einfach nur danken, dass Sie mich mit diesem herrlichen Post zum Lachen gebracht haben. Ich kann Ihre Erfahrungen nur bestätigen – sogar jene aus dem Kindergarten. Bart, Hornbrille und Flanellhemd sind ohnehin nicht ganz meins…

    Ich wünschte, ich könnte einige Personen aus meinem persönlichen Umfeld hier taggen, aber ich denke, das wäre nicht ganz politisch korrekt.

    Daher wünsche ich Ihnen an dieser Stelle nur einen wundervollen Abend und freue mich auf den nächsten Beitrag.

    Liebe Grüße aus Wien,
    Ivana

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