5 Dinge die jeder CMS Hersteller von Drupal und Acquia lernen kann

Wenn es einen Gewinner in der CMS Industrie der letzten Jahre gibt, ist dies Drupal. Kein anderes System hat im Enterprise Segment eine höhere Verbreitung und schafft es auch ehemals kritische Konzerne von den Möglichkeiten einer OpenSource Software zu überzeugen. Nachfolgend habe ich 5 Punkte aufgelistet von denen ich denke, dass sie essentiell für den Erfolg von Drupal und Acquia sind.

(Lesedauer 4 Minuten – English version here)

Symbiose zwischen Business und Community

Erstaunlich finde ich immer wieder wie Acquia/Drupal den Spagat zwischen Community und kommerzieller Einheit schafft. Zwei Aussagen aus Business- und Community Sicht dazu:

  • „Acquia has been instrumental in leveraging its associated Drupal community to accelerate product development and help close the gap on some of its competitors. While other communities can show a high degree of activity, Acquia has helped bring focus to some of that activity to enhance its overall offering.“

  • Gartner Magic Quadrant for Web Content Management, Oktober 2014

 

„Hier von Drupal 8 als „Acquias Software“ zu sprechen ist mehr als falsch und unfair gegenüber der großen Mehrheit der EntwicklerInnen, die nicht bei Acquia sind.“

Christian Ziegler in seinem Kommentar auf meinen Artikel über Drupal 8 vom Januar

Natürlich ist es rein statutarisch nicht so, dass Drupal und Acquia eine Einheit bilden. Aber die Wahrnehmung im Markt (Entscheider) ist eine andere: Drupal ist Acquia und Acquia ist Drupal. Acquia spielt sehr geschickt damit, überlegt sich in allen Publikationen ganz genau welches Wording passend ist und hält die Grenzen fliessend.

Mit gutem Grund: Wäre Acquia „nur“ ein Integrator mit ein paar zusätzlichen Produkten wären sie wohl für Gartner nicht relevant. Smile z. Bsp. ist grösser als Integrator und wir bei AOE sind auf sehr gutem Weg bald in ähnlichen Dimensionen zu agieren. Wäre Acquia auf der anderen Seite nur kommerziell ausgerichtet, wäre es nicht möglich eine so grosse Community zu unterhalten. Dieses Ausbalancieren ist eine hohe Kunst und gelingt wahrscheinlich gerade auch deshalb gut, weil sich die Community und der Kommerz dieselbe Integrationsfigur teilen.

Wie schwierig die Orientierung als Gruppe in diesem Spannungsfeld zwischen FOSS und heutigem OpenSource Businessmodel ist, sehen wir ja gerade in den aktuellen Diskussionen um die Zukunft der TYPO3 Association.

Vision

CMS wie wir es aus den letzten 10 Jahren kennen verliert zunehmend an Bedeutung. Acquia hat das früh erkannt und in den letzten Jahren kontinuierlich zusätzliche Produkte geschaffen welche ihre Vision unterstützen:

„We’re going after a big dream to become the preferred platform for what has been called the „pivot point of many enterprise tech stacks“ — the technologies that permit organizations to deliver on the promises of exceptional digital customer experiences from an agile, open, resilient platform.“

Dries Buytaert in der 2014 Acquia Retrospective

Es geht also nicht primär um CMS (auch wenn das in den meisten Pitches noch so verkauft wird) sondern darum, mittelfristig die bevorzugte Plattform für sämtliche digitalen Belange einer Firma zu werden. Dies bedeutet, dass neben Content und Customer Experience , Funktionalität viel wichtiger wird. Nicht nur die Möglichkeit Funktionalität auf der eigenen Plattform erstellen zu können, sondern auch von externen Quellen einzubinden.

Tatsächlich ist es mit Drupal, Acquia Lift und Acquia Cloud, Acquia Commerce etc. in vielen Bereichen sehr gut möglich umfassende Plattformen aufzubauen. Dabei sind nicht alle von Acquia als Produkte bezeichneten Features eigenständige Softwarestränge sondern eher einfache Modulsets zu Drupal. Das gibt es in vielen anderen OpenSource CMS auch. Aus Sales-Sicht ist es jedoch sehr geschickt, diese als Produkte darzustellen, denn damit wird die schiere Funktionsvielfalt für Entscheider (die sich nur „proprietäres Wording“ gewohnt sind) greifbar.

Leader

Eine Leaderfigur ist für sämtliche Gemeinschaften, egal ob das jetzt gesellschaftliche und/oder kommerzielle sind, essentiell. Ein guter Leader motiviert auf breiter Basis, hilft aus wo qualitative oder quantitative Engpässe entstehen und sorgt dafür, dass sich alle in der Gemeinschaft wohl fühlen und vorankommen. Und er fällt dann Entscheidung wenn die Gemeinschaft in Argumenten verloren ist und ein Stillstand droht.

Ein solcher Leader ist kein König, sondern Integrationsfigur und Bezugspunkt für Leute mit unterschiedlichsten Ansichten aber einem gemeinsamen Ziel. Schauen Sie sich um; Firmen und Projekte mit einem solchen Leader funktionieren meist besser als Gemeinschaften ohne. Dabei geht es gar nicht darum, dass dieser Leader alle Entscheidungen fällt. Im Gegenteil, er pflegt den Entscheidungsprozess möglichst ergebnisoffen (im Rahmen der Strategie) und gibt den verschiedensten Anspruchsgruppen eine Stimme wo notwendig.

 

External Funding

Acquia hatte nie Berührungsängste mit Funding: 118.5 M USD in 7 Finanzierungsrunden von 10 Investoren sprechen eine klare Sprache. So manch OpenSource (CMS) Hersteller wäre wohl längst viel weiter hätte man sich nicht der teilweise eher romantischen und idealistischen Vorstellung des Selbstfinanzierens verschrieben. Wofür benötigt Acquia dieses Geld? Dries gibt darauf in der 2014 Retrospective eine schöne Antwort:

It’s not like Tom Erickson and I enjoy raising money, but building and expanding a sales and marketing team is notoriously difficult and requires big investments. At the same time, we’re building and supporting the development of multiple products in parallel.

Und in Bezug auf Development / Drupal 8:

We contributed significantly to Drupal 8 and helped it to achieve beta status; of the 513 critical Drupal 8 bugs fixed in 2014, Acquia’s Office of the CTO helped fix 282 of them. We also funded work on the Drupal Module Upgrader to automate much of the work required to port modules from Drupal 7 to Drupal 8.

Es darf jetzt nicht der Eindruck erweckt werden, der Grossteils des Fundings ginge in die Entwicklung von Drupal. Aber: Um kritische Punkte und Herausforderungen in Drupal zu meistern steht Acquia wenn notwendig bereit. Wäre ich Entscheider auf Kundenseite würde mich das im Bezug auf mein mögliches Investment in eine Drupal-Plattform erheblich beruhigen

 

Strategie vor Technologie

Immer wieder erleben wir, dass NIH und Code-Verliebtheit ein an und für sich grandioses Produkt in der Entwicklung behindern. Drupal/Acquia hat mit ihrem Entscheid für Symfony eine strategisch korrekte Entscheidung gefällt, da sie von der Verbreitung von Symfony profitieren können. In dutzenden Gesprächen mit Entscheidungsträgern über ihre zukünftige CMS Platform ist der Vorteil dieser Entscheidung bereits zu erkennen. Die Mehrheit der Leute wartet darauf, Drupal 8 mit zu evaluieren, da sie bereits Symfony basierende Software im Unternehmen haben. Ob das technisch jetzt gross Sinn ergibt ist erstmal nicht relevant. Bei den meisten ist es schon ein grosser Vorteil, beim Vorstand nicht nochmals eine neue Technologie verargumentieren zu müssen.

Ich denke nicht, dass Drupal als alleiniges Vorzeigemodell für andere CMS Hersteller dienen sollte. Noch immer verlieren sie genug Pitches – weil sie eben in vielen Bereichen auch einiges schlechter machen als ihre Konkurrenten. In der Summe jedoch laufen bei Drupal/Acquia viele Dinge recht gut und es lohnt sich als CMS Hersteller, gerade auch als proprietärer, einen Blick darauf zu werfen.

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Ein Kommentar zu 5 Dinge die jeder CMS Hersteller von Drupal und Acquia lernen kann
  1. Lex van Sonderen Antworten

    Is External Funding really a good idea? If there is VC money, there will be a need for making big profits at some point in time. What will make big profits for Acquia? A licensed fork of Drupal? Drupal SaaS with propietary features? There could be something looming that may not work well with the open source model.

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